Schlagwort: Sachsen

Karolin, geboren 1975
in Dresden

Foto KarolinK
„Mit acht Jahren die Ausreise in den Westen. Das war ein großer Kulturschock für mich.“

Kurzbiografie

Karolin ist 1975 in Dresden geboren. Bereits mit sechs Wochen kommt sie in die Kinderkrippe, was in den 1970er Jahren in der DDR nicht unüblich ist. Nach der Krippen- und der Kindergartenzeit wird sie eingeschult und geht nach Schulschluss in den Hort, eine Form der Nachmittags- und Freizeitbetreuung. Die häufige Fremdbetreuung lässt kaum eine Bindung zu den Eltern entstehen.

Die Eltern stellen einen Ausreiseantrag, auf den Repressalien folgen: Sie verlieren ihre Arbeit und müssen Hilfsarbeiten ausüben. Nach zwei Jahren wird die Ausreise dann genehmigt, da ist Karolin acht Jahre alt. In Westdeutschland angekommen ist sie zu Anfang erstaunt über die Begegnung mit einer für sie fremden Lebenswelt, auf die sie nun im Übergangslager und danach in ihrer neuen Heimatstadt Ulm trifft. In der DDR war sie gern bei den Pionieren. Das gibt es jetzt nicht mehr. Statt Hortkinder sind sie und ihre Schwester jetzt Schlüsselkinder und können ihren Nachmittag frei gestalten, haben aber auch viel Verantwortung zu Hause. Oft wundert sie sich über die Kinder und den anderen Alltag im Westen. Es ist schwierig für sie, Anschluss zu finden. In der Schule hat sie nun Religionsunterricht. Als sie konfirmiert wird, dürfen schließlich auch ihre Kusine und ihre Oma aus der DDR anreisen. Das ist ein großes Ereignis, denn sie hat ein sehr inniges Verhältnis zur Oma. Erst viel später erfährt sie, dass ihre Großeltern, die in der DDR geblieben sind, nach der Ausreise der Familie einige Schwierigkeiten bekommen haben.

Sie sehnt sich lange nach Dresden zurück, in die Welt, die sie besser kennt. Ganz verwehrt wird ihr der Wunsch nicht. In den Sommerferien kann sie in die DDR. Als scharfe Beobachterin vergleicht sie in diesen Urlauben beständig die beiden Lebenswelten. An einige Umstände erinnert sich Karolin bis heute: Ihre Familie kauft nun als Urlauber aus Westdeutschland mit ihrer Währung, der D-Mark, auch mal etwas im Intershop ein. Die Kinder in der DDR sehen viel dünner und blasser aus und benehmen sich oft schon wie kleine Erwachsene. Mit der Zeit lebt sich Karolin schließlich in ihrer neuen Heimat Ulm ein.

Im Herbst 1989 verfolgt die Familie aufmerksam die Geschehnisse in der DDR, vor allem, als es zu den großen Demonstrationen in Dresden kommt, an denen Karolins Lieblingsonkel teilnimmt. Als schließlich die Grenzen geöffnet werden, weint sie vor Freude. Nun muss sie nicht mehr darauf achten, was sie in ihren Briefen an die Verwandten in der DDR schreibt. Besonders freut sie, dass die Familie sich jetzt ganz einfach ohne bürokratischen Aufwand gegenseitig besuchen kann. Nach dem Mauerfall fährt Karolins Familie gleich nach Ostdeutschland. Die Fahrten dauern zu Beginn der 1990er Jahre sehr lang, denn die Straßen sind noch schlecht ausgebaut und es gibt viele lange Staus.

Während die Wendezeit kaum Auswirkungen auf Karolin und ihre Familie in Ulm hat, erleben ihre Verwandten in Ostdeutschland die Wende unmittelbar. Karolin hat dabei den Eindruck, dass die Menschen der ehemaligen DDR ein fast paradiesisches Bild von Westdeutschland haben und viele Hoffnungen in das neue System setzen, die jedoch verblassen. Immerhin behalten alle in der Familie ihre Arbeit. Wenn sie zu Besuch bei Verwandten in Ostdeutschland ist, fällt ihr als erstes beim Essen auf, wie schnell die bekannten ostdeutschen Produkte verschwinden. Auf ihren Besuchen in Dresden beobachtet sie, wie viel in den 1990er Jahren dort gebaut wird und wie sehr sich das Stadtbild verändert.

2002 zieht sie nach ihrem Studium wieder zurück nach Ostdeutschland. Dresden als Kunst- und Kulturstadt, da möchte sie mitwirken. Außerdem möchte sie zurück in die alte Heimat, um ein Gefühl für ihre Wurzeln zu bekommen.

Die Freude, die Karolin über den Fall der Mauer als Jugendliche empfindet, weicht heute im Erwachsenenalter einem kritischen Blick auf die damaligen Ereignisse. Sie empfindet den Wiedervereinigungsprozess als eine Übernahme Ostdeutschlands durch Westdeutschland, die sie beispielsweise im Tilgen ostdeutscher Architektur oder im Umgang mit den Menschen und der Vergangenheit beklagt. Ihr ist es wichtig, dass die ostdeutsche Geschichte gleichermaßen beachtet und die Menschen gewürdigt werden. Doch sie betont, wie sehr ihr Ostalgie zuwider ist, denn die DDR war ein repressiver Staat, in dem den Menschen wenig Freiheit zugestanden wurde. Trotzdem hat der Osten eine eigene Geschichte, die die Menschen bis heute prägt. Karolin lebt und arbeitet heute in Dresden. Sie hat eine Kriegsenkelgruppe Ostdeutschland gegründet.

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