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Katja, geboren 1979
in Schwedt

„Als Kind in der DDR habe ich die Freiheit nicht vermisst. Nach der Wende war mein Berufswunsch geprägt von fremden Kulturen, dem Fremden an sich.“

Kurzbiografie

Katja wird 1979 in Schwedt geboren. Sie wächst dort in einer Plattenbausiedlung auf, wo auch ihre Freunde leben. Sie erinnert sich an manche Feiertage, wie beispielsweise den Internationalen Kindertag am 1. Juni, die in dieser Siedlung gemeinsam vorbereitet und gefeiert wurden.

Schon als Kind hat Katja bestimmte soziale und gesellschaftliche Aufgaben oder Funktionen in der Schule und in ihrem Lebensumfeld: Sie ist Wandzeitungsredakteur, stellvertretender Klassensprecher, organisiert Pionier-Veranstaltungen, beteiligt sich an der Altstoffsammlung u.v.m. Aber auch Zeitschriften wie Bummi, Frösi, die Junge Welt und Mosaik sind Begleiter ihrer Kindheit.

Unvergesslich sind für sie die Besuche und Pakete westdeutscher Verwandter mit ihren Geschenken oder die Mitbringsel der Großeltern von Besuchen in Westdeutschland, wie zum Beispiel ein pinkfarbener Jogginganzug aus Fleece. Schnell macht sie die Erfahrung, dass sie durch solche Westprodukte in der Schule viel mehr Beachtung erfährt.

Als Katja 1986 eingeschult wird, wird sie auch bei den Jungen Pionieren aufgenommen, ab der
4. Klasse ist sie dann Thälmann-Pionier. Eine Aufnahme in die FDJ ab der 7. Klasse ist ihr nicht mehr möglich – im Sommer 1990 wird die Jugendorganisation aufgelöst.

Den Herbst 1989 erlebt Katja im Alter von zehn Jahren vorrangig im Fernsehen. Ihre Eltern sind nicht politisch aktiv. Die Geschehnisse werden mit Zurückhaltung und Skepsis vor dem, was da kommen möge, verfolgt. Denn Katjas Eltern sind von den anfänglichen politischen Zielen und Idealen des Sozialismus in der DDR überzeugt. Die Ereignisse des Herbstes 1989 werden weder in der Familie noch mit Freunden oder Nachbarn besprochen oder kommentiert. Den Demonstrationen in Leipzig und Berlin steht die Familie distanziert gegenüber. Für Katja haben die Ereignisse daher keine persönliche Bedeutung.

Wie Schwedt sich nach dem Mauerfall verändert, sieht sie vor allem im Stadtbild. Es eröffnen die ersten Discounter, Supermärkte, Möbel- und Autohäuser. Einige ihrer Mitschüler ziehen aus der Plattenbausiedlung in ein neues Eigenheim. Zu den ersten großen Anschaffungen in Katjas Familie gehören ein neues Auto und 1992 die eine große Fernreise nach Tunesien. Für die Familie ist es der erste Auslandsbesuch, der besonders den Eltern viel bedeutet.

Die Wendezeit nimmt Katja nicht als markanten Bruch für ihre Familie wahr. Aber sie erinnert sich an eine langsame Veränderung in den Lebensgewohnheiten. Ihre Eltern können in ihrem Beruf als Lehrer weiterarbeiten und der Lebensstil passt sich an. Es wird mehr konsumiert und man verbringt die Ferien nun lieber in Österreich, Italien oder in der Schweiz. Ihr ist bewusst, dass sich ihre Familie in einer positiven Lage befindet, im Gegensatz zu den Lebensumständen mancher ihrer Freunde, bei denen die Familie beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, Alkoholkonsum oder Depressionen auseinanderbricht.

Mit der Wiedervereinigung und den neu gegebenen Freiheiten und Wahlmöglichkeiten sind Katjas Berufsvorstellungen von anderen Kulturen und fremden Orten geprägt. Nach ihrem Studium und ersten Berufserfahrungen als freie Mitarbeiterin in einer Non-Profit-Organisation erhält sie 2009 ein Stipendium in Malaysia. Sie zieht kurzerhand nach Malaysia, arbeitet bis 2011 bei einem Radiosender und dann bei der Auslandshandelskammer. Ende 2016 kehrt sie nach Deutschland zurück.

Heute im Rückblick fragt sie sich, wie ihr Leben in der DDR verlaufen wäre und wieviel
DDR-Sozialisierung noch in ihr steckt. Aber auch, inwiefern die vielen Möglichkeiten und Freiheiten den Menschen heute vielleicht eher lähmen oder verunsichern. Die SED-Diktatur will sie damit nicht legitimieren. Sie findet es jedoch wichtig, genauer nachzufragen, was die Menschen damals unter Moral und Selbstverantwortung verstanden und ob sie sich als Teil der sozialistischen Gesellschaft mit den zugewiesenen Rollen begriffen haben. Und nicht zuletzt will sie wissen, wo genau die Grenze zwischen Sozialpolitik und staatlicher Fürsorge auf der einen Seite und Manipulation und Unterdrückung auf der anderen Seite verlief.

Katja lebt wieder in Brandenburg.

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