Seminareinheit: Ist das Private politisch?

Seminareinheit

Ist das Private politisch?

 

Dauer: 3,5 – 4,5 h (je nach Gruppengröße)
Technische Voraussetzungen: Internetzugang, ggf. Smartphones oder Tablets der Teilnehmer:innen
Arbeitsmaterialien:

Optionale Hintergrundtexte für den:die Referent:in:

 

Kurzbeschreibung

Thema

In der Seminareinheit „Ist das Private politisch?“ können die Teilnehmer:innen nachvollziehen, wie der politische Umbruch von 1989/90 das Aufwachsen von in der DDR geborenen Kindern und Jugendlichen beeinflusst hat. Ausgehend von privaten Alltagsfotografien von Zeitzeug:innen der Dritten Generation Ostdeutschland suchen sie nach Zusammenhängen zwischen dem privaten Leben und dem politischen System. Begleitende Interviewsequenzen der Zeitzeug:innen, die die Fotos zur Verfügung gestellt haben, geben Einblick in ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen und -erfahrungen. Ein reichhaltiger Materialpool ermöglicht nach Bedarf Recherchen zum historischen Kontext der Fotografien.

Didaktische Hinweise

Für diese Seminareinheit wird kein historisches Vorwissen zum politischen Umbruch von 1989/90 vorausgesetzt. Sie eignet sich vielmehr gut zum Erwerb von historischem Wissen zur Alltagsgeschichte der DDR bzw. Ostdeutschlands. Die Arbeitsphase sollte nach Interesse der Teilnehmer:innen und zeitlich zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erweiterbar sein. Dies ermöglicht den Teilnehmer:innen, zur Recherche im Materialpool zu schmökern und sich zu vertiefen und unterstützt das historische Lernen. Die Präsentationsform richtet sich nach den Möglichkeiten, Fähigkeiten und der zur Verfügung stehenden Zeit. Die Teilnehmer:innen können dafür analoge oder digitale Gestaltungs- und Erzählmöglichkeiten nutzen. Optional: Passend zur Quelle Fotografie eignen sich insbesondere Comics, die auf Papier oder über gängige Comic-Apps gestaltet und erzählt werden. Mit Smartphone oder Tablet können Audio-Video-Slides oder Kurzfilme erstellt werden.

Lernziele

Die Teilnehmer:innen

  • erhalten visuelle Einblicke in das Thema Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in den 1980er- und 1990er-Jahren in der DDR bzw. im vereinten Deutschland.
  • lernen individuelle Erfahrungen vom Erwachsenwerden im politischen Umbruch vor und nach 1989/90 in der DDR bzw. in Ostdeutschland kennen und erwerben historisches Wissen zur Alltagsgeschichte der DDR bzw. Ostdeutschlands.
  • reflektieren eigene Familienfotografien.

Ablaufvorschlag

Arbeitsphase 1
  1. Der:Die Referent:in schreibt die Frage der Seminareinheit, „Ist Private ist politisch?“, auf ein Whiteboard oder ein Flipchart und bittet die Teilnehmer:innen um erste Assoziationen und Antworten. Diese hält der:die Referent:in fest, so dass im weiteren Seminarverlauf darauf Bezug genommen werden kann.
  2. Der:Die Referent:in fragt die Teilnehmer:innen nach Alltagssituationen, die sie kennen, in denen das Private politisch ist.
  3. Der:Die Referent:in bittet die Teilnehmer:innen um eine These, wie politisch das Private in einer Diktatur wie der DDR bzw. während und nach einem Systemumbruch wie dem von 1989 gewesen sein könnte. Auch diese Antworten werden auf dem Whiteboard/Flipchart festgehalten.
  4. Der: Die Referent:in achtet darauf, dass die Teilnehmer:innen sich ganz generell bewusst sind/werden,
  • dass es Anspruch und Ziel diktatorischer Systeme ist, Politik und Alltag gleichzuschalten oder zumindest so weit wie möglich zu synchronisieren und auf das politische bzw. ideologische Ziel hin auszurichten.
  • dass mit der Transformation Ostdeutschlands in eine Demokratie dieser umfassende, bis ins Persönliche zielende Gestaltungsanspruch von Politik endete. Gleichwohl aber bedeutete der tiefgreifende und beschleunigten Wandel des politischen Systems, der Wirtschaft und der Gesellschaft in Ostdeutschland in den 1990er-Jahren schlagartige Veränderungen in allen wesentlichen Lebensbereichen.
  1. Ob und wie sich das in konkreten Lebenswegen niederschlug, untersuchen die Teilnehmer:innen in den Erinnerungen von Zeitzeug:innen in der Arbeitsphase II.
Arbeitsphase 2
 

  1. Der:Die Referent:in bittet die Teilnehmer:innen, sich in Arbeitsgruppen mit 4 – 6 Personen zusammenzufinden.
  2. Der:Die Referent:in breitet die gesamte Auswahl der Familienfotografien gut sichtbar mit den Bildmotiven nach oben vor den Teilnehmer:innen aus.
  3. Jede Gruppe entnimmt der Auswahl jeweils eine Fotografie, die ihr Interesse weckt.
  4. Die Teilnehmer:innen tauschen sich in ihren Arbeitsgruppen darüber aus, was auf dem Foto zu sehen ist, in welcher Lebenssituation bzw. in welchem Zusammenhang es entstanden sein oder welches Thema es widerspiegeln könnte.
  5. Die Arbeitsgruppen stellen ihr Foto kurz im Plenum vor. Dabei begründen sie ihre Auswahl und teilen ihre Assoziationen und Erwartungen zur Biografie des:der abgebildeten Zeitzeug:in .
Arbeitsphase 3
 

  1. Der:Die Referent:in kündigt den Arbeitsgruppen nun eine 3-teilige Arbeitsphase an:
  • Teil 1: Rekonstruktion der Umbruchserfahrungen des:der Zeitzeug:in
  • Teil 2: Recherche zum historischen Kontext im Materialpool
  • Teil 3: Vorbereitung einer Präsentation
  1. Der:Die Referent:in gibt den Arbeitsgruppen die weiteren Fotografien „ihres:ihrer“ Zeitzeug:in.
  2. Der:Die Referent:in gibt den Arbeitsgruppen das jeweils passende Arbeitsblatt zu „ihrem:ihrer“ Zeitzeug:in sowie das Hintergrundmaterial „Kurze Chronik des Umbruchs“.
  3. Die Arbeitsgruppen widmen sich dem Foto- und Interviewmaterial auf ihren Arbeitsblättern. Sie rekonstruieren nun die Stationen aus Kindheit und Jugend des:der Zeitzeug:in. Im Fokus stehen dabei die Einflüsse des jeweiligen politischen Systems auf das Alltagsleben.
    Dazu:
  • bringen sie die Familienfotos des:der jeweiligen Zeitzeug:in in eine chronologische Reihenfolge.
  • sortieren sie die Fotos nach Lebensabschnitten und suchen im Zeitzeug:ininterview nach den dazugehörigen Sequenzen.
  • teilen sie die Interviewsequenzen untereinander auf und notieren sich daraus Informationen zu prägenden Themen, Alltagsmomente und weiterführende Erinnerungen des:der Zeitzeug:in.
  • stellen sie Vermutungen an, welche DDR-Alltagserscheinungen/-erfahrungen direkt durch das politische System des Sozialismus bzw. den Demokratisierungsprozess nach dem Mauerfall geprägt waren.
  • erhalten Hinweise darauf durch unterstrichene Textstellen im Interviewauszug.
  1. Der:Die Referent:in lädt die Arbeitsgruppen dazu ein, zum historischen Kontext der Zeitzeug:innenbiografien im Materialpool zu schmökern und sich zu vertiefen.
  2. Anschließend teilen die Teilnehmer:innen in ihren Arbeitsgruppen ihre Rechercheergebnisse miteinander und fassen sie für eine Präsentation zusammen.
  3. Die Arbeitsgruppen erarbeiten eine Präsentation, in der
  • die Fotos des:der Zeitzeug:in mit Zitaten sowie wesentlichen persönlichen und historischen Zeit- und Entwicklungslinien verbunden werden,
  • die Alltagsmomente, Lebensstationen und Themen, die besonders durch das jeweilige politische System beeinflusst wurden, im Mittelpunkt stehen,
  • sich die Präsentationsform nach den Möglichkeiten, Fähigkeiten und der zur Verfügung stehenden Zeit richtet. Die Teilnehmer:innen können dafür analoge oder digitale Gestaltungs- und Erzählmöglichkeiten nutzen.

Optional: Passend zur Quelle Fotografie eignen sich insbesondere Comics, die auf Papier oder über gängige Comic-Apps gestaltet und erzählt werden. Auch Audio-Video-Slides oder Kurzfilme können mit Smartphone oder Tablet erstellt werden. Gegebenenfalls muss dafür mehr Zeit gegeben werden.

  1. Die Arbeitsgruppen präsentieren ihre Geschichten zu ihrem:r Zeitzeug:in im Plenum.
Arbeitsphase 4
 

Um die Vielfalt der Perspektiven zu erweitern, regt der:die Referent:in die Teilnehmer:innen zu einem Blick auf die eigenen Familienfotografien an:

  • Welche Momente eures Aufwachsens wurden fotografisch festgehalten?
  • Welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gibt es da zu den Familienfotografien der Zeitzeug:innen?
  • (Wie) Zeigt sich das Politische in euren privaten (Alltags-)Fotografien?
  • Welche Erzählungen über das Aufwachsen unter besonderen Bedingungen kennt ihr möglicherweise aus eurem familiären Umfeld?