Katharina, geboren 1982
in Waren (Müritz)

Foto: @ Larissa Hinz
„Die Wende ist der historische Glücksfall für mich. Mein Leben wäre sonst komplett anders verlaufen.“

Kurzbiografie

Katharina wird 1982 in Waren (Müritz) geboren. Sie wächst als jüngste von vier Geschwistern auf. Der Vater ist Diakon, die Mutter arbeitet in einem Kindergarten. Der Glaube prägt die Familie und ihre Lebensbedingungen in der DDR. Katharina wird katholisch getauft, geht schon früh in den Religionsunterricht und nimmt im Sommer am Jugendfreizeitlager der Katholischen Kirche – der Religiösen Kinderwoche – teil. Dort hören die Kinder nicht nur Bibelgeschichten, sondern können auch einfach spielen und baden gehen. Die Verbindung, die in den Sommerwochen unter den katholischen Kindern entsteht, trägt über die Ferien hinaus.

Mehrere ihrer Verwandten wohnen in Westdeutschland. Dort dürfen entweder nur die Mutter oder der Vater zu Besuch hinfahren. Katharina und ihren Geschwistern wird die Ausreise nicht genehmigt. Pakete aus dem Westen sind eine große Unterstützung für die Familie. Stets sind auch Bücher und Kleidungsstücke für die Kinder dabei. Die Freude über einen Pullover oder ein Lieblingsbuch daraus aber kann Katharina nicht im Kindergarten teilen: Dort verbietet man ihr solche westlichen Dinge und ermahnt sie, damit nicht weiter zu prahlen. Auch aus dieser Erfahrung lernt sie, dass es in der DDR ein privates Leben zuhause gibt und ein Leben außerhalb, wo man beispielsweise nichts von den Verwandten, ihren Paketen oder vom Westfernsehen erzählt.

Im September 1989 kommt Katharina in die Schule. Dort setzt sich die Erfahrung fort, dass ihr Leben anders ist, als das der anderen Kinder in ihrer Klasse. Sie verheimlicht, dass sie montags in den Religionsunterricht geht. Fragen nach dem Beruf ihres Vaters versucht sie auszuweichen. Kurz nach ihrer Einschulung aber ist im Land etwas im Gange. Der Vater nimmt Katharina mit auf die Montagsdemonstrationen in Waren. Und er erklärt ihr, dass die Mauer inzwischen ein Loch habe. Wenn sie fiele, würde es die DDR nicht mehr geben. Das malt Katharina auf und ihre Mutter schreibt unter das Bild mit der Mauer und dem Loch das Datum 8. November 1989.

Dass einen Tag später die Grenzen der DDR geöffnet werden, bekommt Katharina dann aber gar nicht bewusst mit. Erst durch die Fernsehbilder von Menschen, die in Berlin auf die Mauer klettern oder von Trabbis und Wartburgs, die in Schlange durch eine Menge jubelnder Menschen fahren, begreift sie es. Ihr ältester Bruder fährt mit Freunden nach Berlin und bringt stolz herausgeklopfte Stücke aus der Mauer mit nach Hause. Eine Zeit lang gibt es nun selbst für den Schulalltag keinen Plan. Ob samstags noch Schule ist, erfährt Katharina immer erst durch Mundpropaganda.

Nach dem Ende der DDR verbessern sich die Lebensbedingungen für Katharinas Familie. Es wird eine Zeit des Wiedersehens mit den Verwandten im Westen und mit vielen Reisen. Vor allem aber ist die Zeit vorbei, in der der SED-Staat Katharinas Eltern und Großeltern aufgrund ihrer Glaubenspraxis unter Druck setzen, ausgrenzen oder überwachen kann. Noch zu DDR-Zeiten hatte der Vater bemerkt, dass in Abwesenheit der Familie mehrfach Fremde in der Wohnung gewesen waren. Nun erfahren die Eltern auch von der damaligen Spitzeltätigkeit mehrerer Nachbarn für das MfS gegen den Vater. Er äußert darüber niemals Groll, höchstens Enttäuschung. Und er gibt zu bedenken, dass man niemals wissen könne, unter welchen Umständen jemand zum Stasi-Spitzel geworden sei.

1993 kommt Katharina im Alter von elf Jahren aufs Gymnasium. Bald schon ist sie eine Jugendliche, die die Freiheiten der neuen Zeit sieht und nutzen will. Sie träumt von der Großstadt und vom Ausland und wird sich bewusst, dass sie dafür ihr vertrautes Zuhause verlassen muss. Bereits in den Sommerferien nach der 11. Klasse arbeitet sie sechs Wochen in Norwegen. Nach dem Abitur 2002 geht sie für einen Sprachkurs nach England. Anschließend studiert Katharina Journalistik und Anglistik in Leipzig und absolviert begleitend Praktika bei Zeitungen, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Nachrichtenagenturen.

2009 schließt Katharina ihr Studium ab. Sie arbeitet als Nachrichtenredakteurin unter anderem beim SWR in Baden-Baden und erlangt ein Journalismus-Stipendium in den Niederlanden.

Mit dem Umzug nach Berlin 2017 ist sie wieder näher an ihrer Heimat und damit an der Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Familie. Das Wissen, welch schweren Weg ihre Eltern und ihre Großeltern wegen ihres Glaubens in der DDR gehen mussten, prägt sie bis heute. Und sie weiß auch, dass ihre Eltern gleichzeitig versucht haben, ihre Kinder vor den Repressalien des SED-Staates zu beschützen, um ihnen eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Daraus zieht Katharina heute ihre Verantwortung für ihr eigenes Kind. Aber auch ihre Motivation, als Zeitzeugin mit anderen ins Gespräch darüber zu kommen, wie Lebenswege verlaufen können, wenn der Staat versucht, sie nach seinem Willen zu formen. Ganz klar schätzt Katharina die persönlichen und staatsbürgerlichen Freiheiten, die ihrem Leben mit der Wiedervereinigung geschenkt wurden.

Katharina lebt und arbeitet heute in Berlin.

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