Nadja, geboren 1981
in Gera

Foto: @ privat
„Das Ende der DDR und die Transformationszeit war für die Menschen so existenziell. Es hat uns als Gemeinschaft verbunden, fernab von Status.“

Kurzbiografie

Nadja wird 1981 in Gera geboren. Sie wächst in einem großen Neubaugebiet auf, in dem Menschen aus allen Berufsgruppen und Schichten wohnen. Mit den anderen Kindern erlebt Nadja dort eine wilde und freie Kindheit. Abends hängt ein Wischtuch im Fenster, wenn sie nach Hause kommen soll.

Nadjas Mutter ist diplomierte Grafikerin und arbeitet freiberuflich in einem Atelier neben der Wohnung. Dort hat auch der Vater eine Dunkelkammer zur Entwicklung von Fotos. Er ist Betriebsfotograf beim Bergbauunternehmen Wismut. Durch ihre Arbeit behaupten sich die Eltern immer auch in ihrer Individualität und Unabhängigkeit in der DDR. Das künstlerische Umfeld der Eltern prägt Nadja von Beginn an: Sie probiert sich im Atelier aus, regelmäßig sind befreundete Künstler*innen zu Gast, die Wohnungstür steht jedem offen. Dort wird Politik hinterfragt, analysiert und diskutiert.

1987 kommt Nadja in die Schule. Der Unterricht fällt ihr leicht. Auf Fahnenapellen und Pioniernachmittagen lernt sie als Pionierin die sozialistische Erziehung in der DDR kennen. Als gute Schülerin soll Nadja in der Freizeit Aufgaben übernehmen. Das sind für sie eher öde Routinen. Schnell begreift sie, dass ihre Familie ein gänzlich anderes Leben führt, als das, was sie in ihrem Umfeld wahrnimmt oder ihr in der Schule beigebracht wird. Darauf ist sie stolz. In den ersten Schuljahren lernt Nadja auch, wie wichtig Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Schwächeren sind.

Im Sommer 1989 fährt die Familie nach Ungarn in den Urlaub. Dort waren im August hunderte DDR-Bürger über die Grenze zu Österreich in den Westen geflohen. Zuhause befürchtet Nadjas Oma, dass ihre Familie den Urlaub ebenso zur Flucht nutzen will. Aber sie kommen zurück nach Gera. Doch das Interesse an den politischen Veränderungen ist groß, der Fernseher läuft permanent, egal ob Aktuelle Kamera oder Tagesschau. In Nadjas Schulklasse fehlen irgendwann Mitschüler. Es wird gemunkelt, sie seien „rübergegangen“. In der Schule spricht niemand darüber. Bald finden die Montagsdemonstrationen in vielen Städten statt, auch in Gera. Nadja darf ihre Eltern dahin begleiten. Als am 9. November 1989 die DDR-Regierung neue Reiseregelungen verkündet, ist Nadjas Familie sofort klar, dass damit die Grenzen offen sind. Die Bilder der kommenden Tage brennen sich in Nadjas Gedächtnis ein: tausende Menschen an und auf der Mauer in Berlin oder in ihren Autos gen Westen fahrend, Tränen und Jubel. Nadjas Familie fährt im Dezember erst vergleichsweise spät in die Bundesrepublik. Der Wohlstand ihrer Verwandten in Passau ist wie ein Schock für sie.

Nadjas Heimatstadt Gera verändert sich nach dem Mauerfall sehr. Industriebetriebe schließen, viele Menschen verlieren ihre Arbeit, die sozialen Unterschiede nehmen schnell zu. Familien von Freunden brechen auseinander, Angst ist zu spüren, Stasi-Vorwürfe gegen Freunde oder Nachbarn kursieren, Schüler hegen Misstrauen gegen ihre Lehrer. Viele Mitschüler schaffen es nach der vierten Klasse nicht aufs Gymnasium. Nadja hingegen schon. Dafür wird sie nun von ihnen ausgegrenzt. Nadjas Eltern haben in den ersten Jahren nach dem Systemwechsel wenig Zeit. Mit viel Geschick lernen sie die Möglichkeiten des Grafikdesigns am Computer. So schließen sie bis Mitte der 1990er-Jahre beruflich auf den westlichen Standard auf. Dafür erfahren sie auch Missgunst und Neid in ihrem bisherigen Wohnumfeld. 1995 zieht die Familie in die Innenstadt von Gera.

Für Nadja wird es ein schwieriger Neuanfang. Sie wird an der neuen Schule nicht freundlich aufgenommen. Sie sucht sich Freunde außerhalb der Klasse, bereist in den Ferien viele Länder und entdeckt als 14-/15-Jährige die freie Kulturszene der Stadt, tanzt Nächte in illegalen Clubs durch. Dass sie minderjährig ist, interessiert zu der Zeit niemanden.

Nach dem Abitur will Nadja möglichst schnell weg aus Gera. Sie will Künstlerin werden, frei sein, nicht ins System passen müssen. Sie geht 1999 zum Kunststudium an die HfBK Dresden, wird 2004 Meisterschülerin. Durch Stipendien lebt sie zeitweilig in Moskau und Wien.

In zwei Systemen aufgewachsen zu sein, hat für Nadja zur Folge, dass sie sich im jetzigen nicht richtig heimisch fühlt. Sie empfindet vielmehr eine Distanz gegenüber Ideologien und Dogmen und möchte sich eine kritische Haltung bewahren. Denn sie hat erlebt, dass morgen Wertungen überholt sein können. Wichtig sind ihr die Erinnerungen an eine weniger klassengeprägte Gesellschaft in der DDR, in der sie Frauen gleichberechtigt sah. In der Transformationszeit lernt sie: Auf die Straße gehen, statt passiv zu bleiben, das ist politisch. Bis heute geht sie auf Demonstrationen. Und sie zieht aus dem Systemumbruch die Erfahrung, keine Angst vor Veränderungen zu haben und neue Dinge anzunehmen.

Seit 2007 lebt Nadja in Berlin und arbeitet als freischaffende Künstlerin.

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