Schlagwort: Berlin

Katharina, geboren 1982
in Waren (Müritz)

„Die Wende ist der historische Glücksfall für mich. Mein Leben wäre sonst komplett anders verlaufen.“

Kurzbiografie

Katharina wird 1982 in Waren (Müritz) geboren. Sie wächst als jüngste von vier Geschwistern auf. Der Vater ist Diakon, die Mutter arbeitet in einem Kindergarten. Der Glaube prägt die Familie und ihre Lebensbedingungen in der DDR. Katharina wird katholisch getauft, geht schon früh in den Religionsunterricht und nimmt im Sommer am Jugendfreizeitlager der Katholischen Kirche – der Religiösen Kinderwoche – teil. Dort hören die Kinder nicht nur Bibelgeschichten, sondern können auch einfach spielen und baden gehen. Die Verbindung, die in den Sommerwochen unter den katholischen Kindern entsteht, trägt über die Ferien hinaus.

Mehrere ihrer Verwandten wohnen in Westdeutschland. Dort dürfen entweder nur die Mutter oder der Vater zu Besuch hinfahren. Katharina und ihren Geschwistern wird die Ausreise nicht genehmigt. Pakete aus dem Westen sind eine große Unterstützung für die Familie. Stets sind auch Bücher und Kleidungsstücke für die Kinder dabei. Die Freude über einen Pullover oder ein Lieblingsbuch daraus aber kann Katharina nicht im Kindergarten teilen: Dort verbietet man ihr solche westlichen Dinge und ermahnt sie, damit nicht weiter zu prahlen. Auch aus dieser Erfahrung lernt sie, dass es in der DDR ein privates Leben zuhause gibt und ein Leben außerhalb, wo man beispielsweise nichts von den Verwandten, ihren Paketen oder vom Westfernsehen erzählt.

Im September 1989 kommt Katharina in die Schule. Dort setzt sich die Erfahrung fort, dass ihr Leben anders ist, als das der anderen Kinder in ihrer Klasse. Sie verheimlicht, dass sie montags in den Religionsunterricht geht. Fragen nach dem Beruf ihres Vaters versucht sie auszuweichen. Kurz nach ihrer Einschulung aber ist im Land etwas im Gange. Der Vater nimmt Katharina mit auf die Montagsdemonstrationen in Waren. Und er erklärt ihr, dass die Mauer inzwischen ein Loch habe. Wenn sie fiele, würde es die DDR nicht mehr geben. Das malt Katharina auf und ihre Mutter schreibt unter das Bild mit der Mauer und dem Loch das Datum 8. November 1989.

Dass einen Tag später die Grenzen der DDR geöffnet werden, bekommt Katharina dann aber gar nicht bewusst mit. Erst durch die Fernsehbilder von Menschen, die in Berlin auf die Mauer klettern oder von Trabbis und Wartburgs, die in Schlange durch eine Menge jubelnder Menschen fahren, begreift sie es. Ihr ältester Bruder fährt mit Freunden nach Berlin und bringt stolz herausgeklopfte Stücke aus der Mauer mit nach Hause. Eine Zeit lang gibt es nun selbst für den Schulalltag keinen Plan. Ob samstags noch Schule ist, erfährt Katharina immer erst durch Mundpropaganda.

Nach dem Ende der DDR verbessern sich die Lebensbedingungen für Katharinas Familie. Es wird eine Zeit des Wiedersehens mit den Verwandten im Westen und mit vielen Reisen. Vor allem aber ist die Zeit vorbei, in der der SED-Staat Katharinas Eltern und Großeltern aufgrund ihrer Glaubenspraxis unter Druck setzen, ausgrenzen oder überwachen kann. Noch zu DDR-Zeiten hatte der Vater bemerkt, dass in Abwesenheit der Familie mehrfach Fremde in der Wohnung gewesen waren. Nun erfahren die Eltern auch von der damaligen Spitzeltätigkeit mehrerer Nachbarn für das MfS gegen den Vater. Er äußert darüber niemals Groll, höchstens Enttäuschung. Und er gibt zu bedenken, dass man niemals wissen könne, unter welchen Umständen jemand zum Stasi-Spitzel geworden sei.

1993 kommt Katharina im Alter von elf Jahren aufs Gymnasium. Bald schon ist sie eine Jugendliche, die die Freiheiten der neuen Zeit sieht und nutzen will. Sie träumt von der Großstadt und vom Ausland und wird sich bewusst, dass sie dafür ihr vertrautes Zuhause verlassen muss. Bereits in den Sommerferien nach der 11. Klasse arbeitet sie sechs Wochen in Norwegen. Nach dem Abitur 2002 geht sie für einen Sprachkurs nach England. Anschließend studiert Katharina Journalistik und Anglistik in Leipzig und absolviert begleitend Praktika bei Zeitungen, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Nachrichtenagenturen.

2009 schließt Katharina ihr Studium ab. Sie arbeitet als Nachrichtenredakteurin unter anderem beim SWR in Baden-Baden und erlangt ein Journalismus-Stipendium in den Niederlanden.

Mit dem Umzug nach Berlin 2017 ist sie wieder näher an ihrer Heimat und damit an der Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Familie. Das Wissen, welch schweren Weg ihre Eltern und ihre Großeltern wegen ihres Glaubens in der DDR gehen mussten, prägt sie bis heute. Und sie weiß auch, dass ihre Eltern gleichzeitig versucht haben, ihre Kinder vor den Repressalien des SED-Staates zu beschützen, um ihnen eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Daraus zieht Katharina heute ihre Verantwortung für ihr eigenes Kind. Aber auch ihre Motivation, als Zeitzeugin mit anderen ins Gespräch darüber zu kommen, wie Lebenswege verlaufen können, wenn der Staat versucht, sie nach seinem Willen zu formen. Ganz klar schätzt Katharina die persönlichen und staatsbürgerlichen Freiheiten, die ihrem Leben mit der Wiedervereinigung geschenkt wurden.

Katharina lebt und arbeitet heute in Berlin.

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Sandy, geboren 1981
in Gardelegen

„Im Westen war ich der doofe Ossi, im Osten war ich der Wessi, der sich für etwas besseres hält.“

Kurzbiografie

Sandy wird 1981 in Gardelegen in Sachsen-Anhalt geboren. Bis zu ihrem 9. Lebensjahr wächst sie in einem kleinen Dorf in der Nähe auf, wo sie mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder wohnt. Das Dorf ist landwirtschaftlich geprägt, Vater, Opa und Oma arbeiten dort als Melker. Das Dorf erlebt sie als Zuhause und Abenteuerspielplatz.

Sandy lebt in dem Gefühl von Geborgenheit, familiärem Zusammenhalt und gegenseitigem Vertrauen. An Essen, Kleidung oder Spielsachen mangelt es ihr nicht; was sie sich wünscht, bringt der Weihnachtsmann oder der Osterhase. Die Großeltern wohnen in Sandys Nähe. Durch den Respekt, den die Menschen im Dorf dem Großvater entgegenbringen, fühlt sie sich beschützt. Das Leben verläuft in ruhigen Bahnen.

Über die politischen Verhältnisse in der DDR reden die Eltern wenig und wenn, dann nur zuhause, wie beispielsweise über westdeutsche Fernsehsendungen oder auch, wer im Umfeld als IM für die Stasi spitzelt. Dass im Herbst 1989 – da ist Sandy 8 Jahre alt – Menschen in der DDR zu Zehntausenden gegen die SED-Führung demonstrieren, davon bekommen die Kinder zuhause nichts mit. Für Sandy ist 1989 ein ganz normales Jahr: Sie bekommt ein sehr gutes Zeugnis und erhält dafür im Pionierlager vorzeitig das rote Pionierhalstuch, worauf sie stolz ist.

Am 4. November 1989 flieht die Familie nach Westdeutschland. Das kommt für Sandy komplett überraschend. Auf einmal lebt sie in einem anderen Ort, in einem anderen Land und muss auf eine Schule gehen, wo alle ganz anders aufgewachsen sind als sie. Sie fühlt sich hilflos, andersartig und gedemütigt, als Lehrer keine Rücksicht darauf nehmen, dass sie manchen Schulstoff noch nicht beherrscht. Ihre Noten sacken ab und auch zuhause erfährt sie dafür kein Verständnis. Erst nach und nach holt sie auf, findet Freunde, lernt, sich anzupassen und schiebt alle ihre Probleme und ihren Schmerz als Teenager auf die Pubertät. Dass die Flucht, über die nie mehr gesprochen wird, in ihr ein Trauma hinterlassen hat, begreift sie erst später.

In dieser Zeit fehlt Sandy die familiäre Geborgenheit. Die Eltern haben sehr wenig Zeit, müssen viel arbeiten und sind oft erschöpft – die Familie kommt finanziell nur knapp über die Runden. Sandy wird schnell erwachsen, folgt dem Rat der Eltern, sich anzupassen, nicht aufzufallen und alle Vorurteile, die ihr als „Ossi“ entgegengebracht werden, durch noch mehr Anstrengung auszuräumen. Das Heimweh an früher drückt sie weg, bis sie die Großeltern in der alten Heimat besuchen kann. Aber die inzwischen gefühlte Mauer zwischen ihr und ihren alten Freunden kann sie nicht überwinden. Sie beobachtet, wie sich Jugendliche in ihrer alten Heimat politisch links oder rechts positionieren. Wenn sie deren Haltung hinterfragt, kommt es zum Streit. Gleichzeitig ist sie angezogen von der Freiheit und dem Zusammenhalt der Jugendlichen.

Als Kind wollte Sandy Sekretärin oder Kassiererin werden, als Jugendliche soll es Hotelfachfrau sein – eine Berufsausbildung, denn Abitur und Studium können die Eltern finanziell nicht unterstützen. Zur gleichen Zeit will die Familie wieder näher an die alte Heimat ziehen. Sandys Bewerbungsbemühungen scheitern an der unsicheren Wohnortfrage. Durch Zufall bewirbt sie sich bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main und erhält 1997 den Ausbildungsplatz. Auf einmal ist sie wieder mit Vorbehalten gegen Ostdeutschen konfrontiert: Leute lästern in ihrem Beisein über „Ossis“, weil sie Sandy für eine Westdeutsche halten. Wie nach der Flucht aus der DDR sucht sie sich Freunde, die, wie sie, auch fremd im Land sind und verschiedene Nationalitäten haben.

Mit Mitte Ende 20 lebt sie in Berlin, das Ost und West in sich vereint, wie sie selbst. Sie lernt, ihre Position zu vertreten, ihre Angepasstheit abzulegen und findet dennoch auch hier keine Heimat. Ihre Suche verschlägt sie mit
29 Jahren nach New York, das für sie die Stadt der Immigranten aller Nationalitäten ist, die gut miteinander leben können. Das erste Mal ist sie einfach nur Sandy aus Deutschland. Wenn sie von ihrem Leben in der DDR erzählt, erfährt sie Neugier, keine Ablehnung.

Seit Sandy 21 ist, arbeitet sie die Familiengeschichte auf und findet damit einen Weg aus mehr als 10 Jahren Sprachlosigkeit seit der Flucht. Die Familie unterstützt sie, denn sie alle sind bis heute geprägt von der Flucht und den Veränderungen nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung. Sandy will ihre Erfahrungen nutzen, um als Brückenbauerin zwischen den Generationen zu vermitteln und die Gräben zwischen Ost und West zu überwinden. Für sie ist die Wiedervereinigung ein Beweis dafür, dass Menschen aus Fehlern, die einst gesellschaftspolitisch gemacht wurden, lernen können.

Sandy lebt heute wieder in Berlin.

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Judith, geboren 1976
in Altenburg

Foto JudithE
„Nichts bleibt ewig, alles kann sich ändern, und das sehr schnell.“

Kurzbiografie

Judith wird 1976 in Altenburg im heutigen Thüringen geboren. Drei Jahre später zieht die Familie nach Wittstock, das gut 120 Kilometer nördlich von der Hauptstadt Berlin liegt. Judiths Mutter ist gelernte Krankenschwester, der Vater Straßenbahnschlosser. Beide Eltern absolvieren an einer Arbeiter- und Bauernfakultät einen Abschluss, mit dem sie auf eine Universität gehen dürfen. Sie studieren Medizin und arbeiten im Anschluss als leitende Ärzte. Dennoch treten die Eltern in keine Partei ein und ihren Freundeskreis bezeichnen sie als eher systemkritisch.

Judith geht in den Kindergarten, der zur Arbeitsstelle ihrer Eltern gehört. Im Alter von sechs Jahren wird sie 1982 in eine Polytechnische Oberschule (POS) in Wittstock eingeschult. In der ersten Klasse wird sie Jungpionier, in der 4. Klasse Thälmannpionier. Judith gehört auch zum Gruppenrat der Pioniere, der beispielsweise Pioniernachmittage für alle organisiert. Überhaupt nimmt sie als Kind an vielen Angeboten und Wettbewerben an ihrer Schule teil: Sie sammelt Altstoffe für die SERO-Sammlung, singt im Chor, ist erfolgreich bei Matheolympiaden und ist Mitglied im Mathe- und Russischclub. Im Alter von 13 Jahren wird Judith im Frühjahr 1989 in die FDJ aufgenommen. Die Aufnahmezeremonie findet in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen statt. Als Judith als Erste an ihrer Schule im September 1989 wieder aus der FDJ austritt, wird sie zur Direktorin bestellt und unter Druck gesetzt.

Im Sommerurlaub 1989 in der Slowakei häufen sich die kritischen Gespräche bei den Erwachsenen. Die neue Politik in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow lässt auch sie auf Veränderungen in der DDR hoffen. Als die Familie Ende August 1989 aus den Ferien zurückreist, kommen ihnen all jene entgegen, die die Fluchtchance über Ungarn nutzen wollen.

Dann beginnt die Zeit der Montagsdemonstrationen in Leipzig, über die im Westfernsehen berichtet wird. Auch in Wittstock gibt es ab September 1989 erste Demos. Judith geht mit ihren Freunden hin. Als die DDR am 7. Oktober 1989 den 40. Jahrestag ihrer Gründung feiert, befürchtet die SED-Führung Demonstrationen. Vor allem in Ostberlin soll ein Großaufgebot der Polizei die Feierlichkeiten schützen. Deshalb sind in diesen Tagen Freunde aus Berlin zu Besuch, die sich auf dem Land in Wittstock sicherer fühlen. Sie haben Angst, dass die Staatsführung gewaltsam auf die Demonstrationen reagieren könnte.

Am 9. November 1989 sieht Judith in den Westnachrichten auch den Bericht über die Pressekonferenz mit Günther Schabowski. Als dieser „unverzüglich“ Reiseerleichterungen für
DDR-Bürger ankündigt, weiß sie, dass gerade etwas Wichtiges passiert ist. Sie beobachtet die politischen Veränderungen weiter aufmerksam. Schon Ende 1989 vermutet sie, dass die Parteien aus dem Westen die neugegründeten Parteien und politischen Gruppen in der DDR verdrängen werden. Bald schon ist es vielen Menschen am wichtigsten, auch in der DDR die
D-Mark zu haben, die Rufe nach einer Wiedervereinigung nehmen zu. Dass damit der eigene Gestaltungswille der DDR-Bürgerbewegung keine Chance bekommen wird, findet sie traurig. Schnell spürt sie einen enormen Druck auf die Ostdeutschen, sich den westdeutschen Verhältnissen und Vorgaben anzupassen.

Für Judiths Eltern bringt die Wendezeit auch große Veränderungen im Beruf mit sich. Ihre Mutter wird arbeitslos und findet eine neue Anstellung in Westdeutschland, der Vater hingegen macht sich als Arzt mit einer Praxis in Wittstock selbständig. Die Eltern leben seit 1985 getrennt. Judith zieht mit ihrer Mutter 1993 nach Marburg. Da ist sie in der 11. Klasse und für sie ist es eine Migrationserfahrung, denn so kurz nach der Wende ist das Leben in einer westdeutschen Stadt so ganz anders als sie es bisher kannte.

Nach einem Jahr geht Judith allein „zurück“ nach Ostberlin und beendet dort das Abitur. Sie studiert an der Freien Universität Politikwissenschaften. Nach zwei Jahren Arbeitserfahrung in Gewerkschaften und wissenschaftlichen Einrichtungen promoviert sie mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung an der Universität Kassel. Während dieser Zeit forscht und arbeitet sie auch in Berlin und New York.

Heute hat Judith einen Sohn. Sie lebt, arbeitet und engagiert sich ehrenamtlich in Berlin.

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Marek, geboren 1978
in Dessau

Foto MarekB
„Ich hatte eine schöne Kindheit und die ging nach der Wende auch so weiter.“

Kurzbiografie

Marek wird 1978 in Dessau geboren. Als er ein Jahr alt ist, gehen seine Eltern beruflich nach Äthiopien, wo die Familie fünf Jahre lebt. Eine Zeit, die seine Kindheit am stärksten prägt und an die er bis heute viele tolle Erinnerungen knüpft. Erst zu seiner Einschulung ziehen sie zurück nach Dessau in ein Neubauviertel. Die Siedlung ist gerade neu entstanden und die umliegenden Baustellen werden für Marek und seine Freunde zu Spielplätzen. In dieser Zeit beginnt er auch mit dem Schwimmen. Er ist darin so gut, dass er 1989 einen Platz an der Sportschule in Halle erhält.

Fortan prägen Sport und Schule seine Kindheit und Jugend. Bis zum Abitur 1997 ist der Tagesablauf darauf ausgerichtet, dass Marek und seine Mitschüler trainieren, die Schule meistern, an Wettkämpfen teilnehmen und sportliche Erfolge erringen. Die Sportschule wird zum Lebensmittelpunkt, er lebt im Internat, schließt dort Freundschaften und fährt an den Wochenenden oft zu Wettkämpfen. Dadurch lernt er viele Städte in Westdeutschland kennen, kommt dort bei Gastfamilien unter und ist anfangs auch schon mal von deren Lebensstandard beeindruckt. Zeit für Freizeit, Hobbys oder nächtliche Ausflüge in Kneipen oder Clubs bleibt ihm nicht. Seine Familie sieht er am Wochenende oder in den Ferien.

An die Friedliche Revolution im Herbst 1989 hat Marek keine bewussten Erinnerungen. Aus der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall weiß er noch, dass Freunde auf einmal weg waren oder dass samstags kein Unterricht mehr stattfand.

An der neuen Schule gab es zudem eine Zeit des Durcheinanders und auch der Verunsicherung: Trainer kamen und gingen und von vielen Mitschülern erfuhr man existenzielle Geschichten aus den Elternhäusern – vom Jobverlust über Stasivorwürfe bis hin zur Auswanderung in den Westen.

Er erinnert sich an den ersten Besuch in Westberlin, den er spannend fand, aber auch an die Verunsicherung seiner Eltern über das, was nun kommen wird. Für seine Eltern ist es eine Zeit der Umbrüche und Veränderungen, in der sie aber beruflich schnell wieder ankommen. Marek hingegen hat das Gefühl, dass das Leben halbwegs normal weitergeht.

Für den Umgang mit der DDR-Geschichte findet er einen Ansatz aus der Geschichtswissenschaft sehr hilfreich. Dieser blickt auf die Alltagsgeschichte der DDR und kann verdeutlichen, dass das Leben unter der SED-Diktatur von Grenzen bestimmt war; dass es aber innerhalb dieser Grenzen sehr wohl möglich war, Kritik zu üben, sein Leben zu leben, berufliche Erfolge zu feiern oder Hobbys zu haben. Diesen alltagsgeschichtlichen Blick auf die DDR findet Marek wertvoll, weil er die Vielfalt ostdeutscher Alltagserfahrungen respektiert. Die Erfahrungen der Ostdeutschen können so als ein Bestandteil der Geschichte des vereinten Deutschlands verstanden werden. Dabei muss man den Alltag nicht verklären und auch nicht infrage stellen, dass die DDR eine Diktatur war.

Für sich persönlich beschreibt Marek die Wende als einen Segen. Er konnte frei reisen und in Berlin studieren, seine Erfahrungen mit neuen Freunden aus Westdeutschland teilen. Er hat einen besseren materiellen Wohlstand und kann sich frei politisch engagieren.

Heute lebt und arbeitet Marek in Berlin.

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Kathleen, geboren 1981
in Neubrandenburg

Foto KathleenL
„Nach und nach zogen alle weg.“

Kurzbiografie

Kathleen wird 1981 in Neubrandenburg geboren und wächst dort auf. Als sie drei Jahre alt ist, zieht die Familie in eine neue Plattenbauwohnung. Sie wohnt im ersten Straßenzug der Siedlung und die Baustellen ringsherum sind wie eine große Sandwüste, in der sie mit anderen Kindern spielt. Im Kindergarten schließt sie Freundschaften mit Kindern, die auch im Viertel wohnen und später mit ihr gemeinsam auf die Schule gehen. Manchmal bleibt sie lange im Kindergarten, bis ihre Eltern sie nach der Arbeit abholen. Beide sind Agraringenieure.

In Kathleens Kindheit hat die Familie noch kein Auto. Erst im Sommer 1989 kauft der Vater für viel Geld einen gebrauchten Trabi. Ein Telefon besitzt nur die Oma, die auf einem kleinen Dorf bei der Post arbeitet. Die Eltern pachten einen Kleingarten, in dem sie viel Obst und Gemüse anbauen. Kathleen und ihre ältere Schwester helfen bei der Gartenarbeit und was die Familie erntet, wird eingeweckt, um einen Vorrat anzulegen. Für manche Dinge, die es in der DDR nur selten zu kaufen gibt, stehen die Menschen an den HO-Läden Schlange. Kathleen erinnert sich, dass sie als Jüngste immer vorgeschickt wurde, wenn es Bananen, Apfelsinen oder Wassermelone gab.

Die Ereignisse im Herbst 1989 verfolgt die Familie in den Nachrichten, aber sie scheinen zunächst weit weg zu sein. Das ändert sich nach dem Mauerfall. Sonnabends kommen immer weniger Kinder zum Unterricht, denn sie fahren mit ihren Familien in den Westen, um das Begrüßungsgeld abzuholen. Bald darauf gibt es schulfrei und dann fällt der 6. Unterrichtstag ganz weg. Auch Kathleens Familie besucht Westberlin. In einem Supermarkt sind ihre Eltern von dem Angebot komplett überfordert. Sie kaufen nur Bananen und ein paar Tafeln Schokolade. Erst beim zweiten Ausflug nach Westberlin kommen ein Radiowecker und je ein Walkman für die beiden Schwestern dazu.

Als Kathleen 1991 aufs Gymnasium kommt, muss sie nicht mehr Russisch als erste Fremdsprache lernen, sondern beginnt mit Englisch. In der DDR wäre sie in der 4. Klasse Thälmann-Pionier geworden. Dass es die Jugendorganisation nun nicht mehr gibt, enttäuscht sie. Aus Kathleens Wohnumfeld ziehen viele Freunde weg – in neu gebaute Einfamilienhäuser am Stadtrand und in den umliegenden Dörfern, manche ziehen auch in den Westen. Aus dem Hausaufgang im Plattenbau verschwinden nach und nach auch immer mehr der bisherigen Mietparteien, während Kathleens Familie dort wohnen bleibt. Zwar ist ein Umzug in ein Eigenheim immer wieder Thema, aber weil beide Eltern direkt nach der Wende arbeitslos werden und in neuen Berufen Fuß fassen müssen, sind sie unsicher, ob sie so eine große Investition wagen sollen. Wenn Kathleen nach der Schule allein ist, bis die Eltern nach Hause kommen, schaut sie viel fern. Sie kümmert sich selbst um ihr Essen, das oft aus Resten vom Vorabend oder Fertiggerichten besteht. In dieser Zeit klingeln immer wieder Vertreter an der Tür und wollen Versicherungen, Staubsauger und andere Produkte verkaufen.

Die Eltern finden neue Anstellungen als Polier im Straßenbau und als Bürokauffrau. Nach der Wende reist die Familie erstmals auch in fremde Länder – nach Italien an den Gardasee, nach Österreich und in die Tschechoslowakei. Kathleen erlebt ihre Eltern dabei als aufgeregt und manchmal etwas unbeholfen, denn bisher fehlte es ihnen an solchen Reiseerfahrungen. Sie selbst nimmt während des Gymnasiums am Schüleraustausch mit Schweden und Frankreich teil, reist zum Sprachunterricht nach England und zur Klassenfahrt nach Holland. Weil ihre Eltern ein Schuljahr in den USA nicht bezahlen können, sucht Kathleen nach dem Abitur eigene Wege und geht als Au Pair für ein Jahr nach Amerika.

Auslandserfahrungen gehören seit der Wende zu Kathleens Leben. Sie studiert Sprachen, promoviert zur US-amerikanischen Erinnerungskultur und reist regelmäßig in die USA. Die Menschen dort, die Familie ihres spanischen Mannes, aber auch ihre westdeutschen Kolleginnen und Kollegen interessieren sich für ihre ostdeutsche Herkunft. Zu der gehört für Kathleen insbesondere die Beobachtung, welcher Bruch der Mauerfall und seine Folgen in den Lebensbiografien ihrer Eltern war. Und zum anderen ein Heimatgefühl, das sie mit ihrer Kindheit in der DDR verbindet und mit ihren Schulfreunden noch immer teilen kann.

Kathleen lebt heute in Berlin.

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Cornelia, geboren 1978
in Ostberlin

Foto CorneliaW
„Aber was sollte mit den Lehrern geschehen, die in der Partei waren? Wollte ich von denen weiter unterrichtet werden?“

Kurzbiografie

Cornelia wird 1978 in Ostberlin geboren und verbringt ihre Kindheit in den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Marzahn. Die Eltern erziehen sie und ihren Bruder zu kritisch und frei denkenden Menschen, beide Geschwister sind evangelisch getauft. Die Familie schaut Westfernsehen, hört den RIAS und Cornelia findet es albern, dass man das in der DDR nicht darf. Doch die Eltern ermahnen sie, davon in der Schule oder im Sportverein nichts zu erzählen, wenn sie einmal Abitur machen und studieren wolle. Außerdem bekommt sie schon als Kind mit, dass ihr Opa aufgrund seiner Selbständigkeit viele Nachteile hat und es ihm vor allem finanziell schwer gemacht wird. Sie findet das ungerecht und sagt es auch. Ihre Kindheit und Jugend wird beschwert durch große familiäre Probleme, die die Eltern nicht lösen können.

In der ersten Klasse wird Cornelia bei den Jungpionieren aufgenommen, doch da ist sie nicht gern. Deshalb ist sie erleichtert, dass man ihr erlaubt, an Akrobatikwettkämpfen teilzunehmen, wenn zeitgleich Pionierveranstaltungen stattfinden. Im Herbst 1989 wird Cornelia gerade 11 Jahre alt und kommt in die 5. Klasse. Sie freut sich, endlich Physik und Biologie in der Schule zu haben. Auch das rote Halstuch der Thälmann-Pioniere bekommt sie, worauf sie jedoch nicht stolz ist. Nachrichten schaut die Familie selten und wenn, dann im Westfernsehen, denn die „Aktuelle Kamera“ ist allen verhasst. Von den Protesten in Leipzig und Berlin bekommt Cornelia einiges mit, aber versteht noch nicht genau, was da passiert. Zuhause sind die Ereignisse des Herbstes 1989 kein Gesprächsthema. Ähnlich erlebt sie es in der Schule. Die Lehrer scheinen das Thema zu umgehen. Am Tag nach dem Mauerfall geht Cornelia davon aus, dass alles normal weitergeht, dass sie und ihre Mitschüler zum Unterricht kommen und die Eltern zur Arbeit gehen. Tatsächlich fehlen aber schon ein paar Schüler, sogar aus systemtreuen Familien.

Auch Cornelia interessiert es, wie es in Westberlin, das sie bis dahin nur aus der Ferne hoch oben vom Fernsehturm aus sehen konnte, wirklich aussieht. Gleich am Wochenende gehen ihre Mutter, ihr Bruder und sie zum Grenzübergang an der Berliner Oberbaumbrücke. Dort ist die Schlange wartender Menschen so lang, dass sie erst wieder umkehren wollen. Schließlich stellen sie sich an. Als sie dran sind, mustert sie der Grenzer ausführlich und stempelt ihnen schließlich das Visum in den Ausweis.

Nach dem Mauerfall strömen all die Eindrücke auf die Familie ein, ohne dass sie Zeit finden, zu verstehen, was die Veränderungen für die Zukunft bedeuten könnten. Immerhin kann man endlich öffentlich sagen, was man denkt. In ihrem Schulalltag stellt sich Cornelia die Frage, ob sie weiter von Lehrern unterrichtet werden möchte, die in der SED waren. Sie findet sie unglaubwürdig. Zweifel hegt sie auch am neuen Unterricht – Biologie und Physik werden plötzlich abgeschafft und in Deutsch und Geschichte hinkt der Westlehrplan, nach dem nun unterrichtet wird, fast ein Jahr hinterher. Mit dem Weg aufs Gymnasium in Marzahn muss sie sich von vielen Mitschülern verabschieden. Sie ist froh, sich in keiner staatlichen Jugendorganisation mehr verpflichten zu müssen, um Abitur machen zu dürfen.

Durch die Probleme ihrer Eltern gerät die Familie in enorme finanzielle Not. Beide verlieren Anfang der 90er Jahre ihre Anstellung und sind arbeitslos. Schließlich lassen sich die Eltern scheiden. Doch bis dahin hat die Mutter ihre Zuversicht längst verloren. Gelegentliche ABM-Maßnahmen geben ihr keine Hoffnung mehr, dass sie wieder zurück auf ihren Lebensweg finden kann. Cornelia muss auf einmal die Verantwortung für ihren Bruder und ihre Mutter übernehmen, Telefonate von Ämtern entgegennehmen, Anträge bei den Behörden oder die Steuererklärung ausfüllen. Davon ist sie völlig überfordert. Später weiß sie aus dieser Zeit, dass sie kämpfen kann. Selbständig, wie sie ist, reist sie als Jugendliche ohne Eltern an den Atlantik oder nach London. Und sie entdeckt vor allem die spannende Musik- und Theaterszene im Berlin der Nachwendezeit. Heute ist sie sich sicher, dass sie mit den Leuten in ihrer Clique zu DDR-Zeiten wahrscheinlich keinen Kontakt gehabt hätte.

Nach dem Abitur bewirbt sie sich an Schauspielschulen, studiert Theaterwissenschaften in Gießen und Film Studies in Reading/UK. Sie arbeitet in einer Produktionsfirma, die sich auf Filme aus dem ehemaligen Jugoslawien und Rumänien spezialisiert hat, und als Dramaturgin in Temeswar/Rumänien.

Gäbe es die DDR noch, so vermutet Cornelia im Rückblick, wäre sie in der Schule sicherlich angeeckt, weil sie ihren Mund nicht hätte halten können – besonders im Fach Staatsbürgerkunde. Stattdessen hatte sie die Chance, aufgrund ihrer Leistungen Abitur zu machen und zu studieren. Sie hat viele kleine Alltagserinnerungen an ihre Kindheit in der DDR und ihre Jugend in der Nachwendezeit behalten.

Cornelia lebt heute wieder in Berlin.

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Maria, geboren 1977
in Potsdam

Foto MariaB
„Ich habe Zuhause Dinge aus der Schule vertreten, die meine Eltern total ablehnten.“

Kurzbiografie

Maria ist 1977 in Potsdam geboren. Sie wächst in Falkensee auf, das damals zur DDR gehört, aber nah an Westberlin liegt. Oft fährt sie mit ihrer Familie nach Potsdam. Dann sieht sie im Vorbeifahren die Lichter der Hochhäuser von Spandau (Westberlin), die für sie jedoch unerreichbar bleiben.

Ihr Kindheitsgefühl ist geprägt von der Erinnerung an zwei getrennte Leben – ein privates und eines in der Schule: Vieles, was zu Hause besprochen wird, darf in der Schule nicht erzählt werden. Manch wichtige Entscheidung für ihr Leben trifft der SED-Staat für sie, beispielsweise die, dass Maria später nicht das studieren darf, was sie will. Denn ihr Vater ist aus der SED und dadurch wird vieles schwierig oder gar unmöglich. Maria ist eine interessierte Pionierin und aktiv im Gruppenrat. Ihre Eltern gehen wenig mit dem DDR-Regime konform. In der siebten Klasse, in die sie 1989 geht, entsteht so zum ersten Mal Unfrieden in der Familie aufgrund von Meinungsverschiedenheiten: Maria vertritt Ansichten, die sie im Staatsbürgerkundeunterricht lernt und die ihre Eltern ablehnen.

Den Herbst 1989 erlebt Maria als eine Zeit des Aufbruchs. Neues und Unerhörtes liegt in der Luft. Diese Zeit verfolgt sie sehr aufmerksam und schreibt die Meldungen, die in diesen Wochen in den Nachrichten kommen, in ihr Notizbuch.

Als die Grenzübergänge geöffnet werden, ist sie eine der wenigen, die am nächsten Tag zur Schule gehen. Fast alle Schüler ihrer Schule besuchen Westberlin, da Falkensee nicht weit entfernt vom Grenzübergang in Spandau liegt. Auch Marias Eltern fahren mit ihr in den ersten Tagen nach der Maueröffnung nach Westberlin zum Schloss Charlottenburg. Von dem Begrüßungsgeld darf sich jeder der Familie etwas im Wert von fünf Westmark aussuchen. Der Rest wird gespart. Ein Gefühl der absoluten Überforderung bleibt bei Maria an diesen Besuch in Westberlin in Erinnerung. Das liegt vor allem an der noch nie zuvor erlebten riesigen Auswahl an Dingen.

Mit dem Fall der Mauer verändert sich für Maria vieles. Vor 1989 konnte sie sich ihre Zukunft kaum vorstellen, da für sie klar war, dass sich ihr Berufswunsch nicht erfüllen würde. Das ändert sich mit dem Mauerfall schlagartig. Nun kann sie sich ihre weiterführende Schule selber aussuchen. Sie wollte immer Sprachen lernen und später Archäologie studieren. Deshalb wählt sie ein altsprachliches Internat in Naumburg.

Von der Zeit Anfang der 1990er Jahre in Naumburg hat Maria vor allem den starken Konsumwunsch der Menschen aus Ostdeutschland in Erinnerung. Und sie hat den Eindruck, dass die Ideen von einer anderen, politisch alternativen Transformation des Landes von diesem Konsumwunsch überrannt wurden. Soziale und rechtliche Werte, aber auch die Wertschätzung materieller Dinge gingen verloren. So beobachtet sie in dieser Zeit, wie in Naumburg die Menschen jedes Wochenende Massen an Dingen für den Sperrmüll auf die Straßen stellen, aber gleichzeitig auch viel konsumieren.

An die Veränderungen in der Schule erinnert sich Maria ebenso. Ihre Lehrer nimmt sie als unsicher wahr. Fächer fallen aus und in vielen Stunden gibt es eine „freie Diskussion“, bei der die Schüler die Themen aussuchen und diskutieren. Richtiger Unterricht findet meist nur noch in den Fächern wie Mathe oder Chemie statt.

Im Gegensatz zu all den vielen Veränderungen in ihrem Umfeld nach dem Fall der Mauer gibt es in ihrer Familie kaum Umbrüche – so behalten insbesondere ihre Eltern ihre Arbeit.

Heute lebt Maria in Berlin.

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Dörte, geboren 1978
in Pritzwalk

Foto DörteG
„Nach dem Mauerfall kam eine Zeit wie im rechtsfreien Raum. Wir haben unsere Grenzen ausgetestet.“

Kurzbiografie

Dörte wird 1978 in Pritzwalk geboren. Sie wächst am Stadtrand von Wittstock auf, spielt meist draußen im Wald. Sie erlebt eine freigeistige Erziehung. Zuhause darf sie sagen, was sie will, tanzen und fernsehen. Dass das in der Schule anders sein muss, weiß sie – findet es aber normal.

Von ihren Eltern lernt sie, dass Gleichheit und Gerechtigkeit wichtig sind. Für sie ist es klar, dass die Arbeit eines Arbeiters genauso wertvoll ist wie die Arbeit eines Produktionsleiters oder eines Lehrers.

Dem SED-Staat stehen ihre Eltern distanziert gegenüber. Sie tragen hohe Verantwortung in ihren Produktionsbetrieben, sind jedoch kein Mitglied in der SED. Auch ihre Tochter versuchen sie dem staatlichen Erwartungsdruck zu entziehen. Als Dörte, die regelmäßig Leichtathletik in einem Sportverein trainiert, für die Sportschule abgeworben werden soll, sind die Eltern dagegen und lehnen ab.

1988 bekommt die Familie Besuch von Verwandten aus Kanada. Die Verwandten stellen ihre Sicht auf die Missstände in der DDR dar: Autos aus Pappe, die Wirtschaft am Ende, die Menschen im Land eingesperrt. Als Dörtes Mutter ein halbes Jahr nach dem Verwandtschaftsbesuch die Erlaubnis erhält, die kanadischen Familienangehörigen zu besuchen, überlegen Dörtes Eltern auch, einen Ausreiseantrag zu stellen. Soweit kommt es nicht mehr, denn ein Jahr später fällt die Mauer. Dieses Ereignis feiern ihre Eltern mit Begeisterung. Am 9. November 1989 sind Dörte und ihre Eltern für einen Opernbesuch in Berlin. Sie sehen die vielen Leute auf der Straße, können sich aber nicht erklären, was passiert. Auf dem Heimweg nach Wittstock erfahren sie dann über die Radionachrichten, dass die Grenzübergänge in Berlin geöffnet wurden. Fortan beginnen ihre Eltern, von der Zukunft zu träumen.

Auch Dörtes Familie fährt in jener Zeit „in den Westen“ und sie bekommt vom Begrüßungsgeld einen Walkman. „Musik“, so sagt sie, „wurde zu einem großen Teil meines Lebens“.

1990 kommt Dörte aufs Gymnasium, was nicht ohne Folgen für ihre Freundschaften in ihrem Wohngebiet bleibt. Nun macht man Unterschiede zwischen „besser“ und „schlechter“ und nicht alle Freundschaften halten. Und es ist auch die Zeit, in der sich ihr Freundeskreis politisiert. Viele sympathisieren mit der rechten Szene, ohne zu wissen, was das bedeutet. Das Wissen über die NS-Geschichte und den Holocaust, sagt Dörte, erhält sie erst ab der 8. Klasse.

Die Anfangseuphorie der Eltern über die Wende ist 1992 schon verflogen. Dörtes Vater wird arbeitslos. Die Mutter muss den Konkurs eines Großbetriebes verwalten. Sie ist eine der Letzten, die entlassen werden. Dafür schaut man sie in ihrem Wohnumfeld verächtlich an. Zudem erfahren die Eltern, dass einer ihrer besten Freunde für die Stasi gearbeitet hat.

Für Dörte ändert sich nach 1989 vieles. Dem Schulwechsel folgen Lehrplanumstellungen, der Verlust von Freundschaften, der innere und äußere Drang, einer Gruppe zuzugehören und das persönliche Bedürfnis, sich gegen Neonazis abzugrenzen. Vor allem ist es für sie eine Zeit im rechtsfreien Raum. Die Weichen werden neu gestellt, aber keiner weiß, was das im neuen System bedeutet. Sie erinnert sich, wie sie und ihre Freunde Diebstähle begingen, viel feierten und tranken und so ihre Grenzen austesten wollten.

Die Zeit Mitte der 1990er Jahre ist für Dörte erneut von großen Veränderungen geprägt. 1994 zieht die Familie nach Pritzwalk und 1997 geht sie zum Studium nach Berlin. Zu den größten Freiheiten, die sie in der Zeit nutzt, zählt Dörte vier Auslandsaufenthalte in Südamerika.

Der Mauerfall und die damit verbundene Erfahrung, in zwei verschiedenen Systemen aufzuwachsen, hat Dörte nachhaltig geprägt. Sie schätzt die Vorteile der Demokratie. Die Härte des freien Marktes durch den Kapitalismus führt sie persönlich jedoch dazu, sich oft die Systemfrage zu stellen. Sie wünscht sich nicht den Sozialismus zurück, fragt sich aber, in welchem politischen System die Menschen ein gutes Leben führen könnten.

Heute lebt Dörte in Berlin und arbeitet seit 2008 als freiberufliche Autorin und Filmemacherin.

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Johannes, geboren 1982
in Dresden

Foto JohannesS
„Noch heute gehe ich mit Ehrfurcht auf Demos!“

Kurzbiografie

Johannes wird 1982 in Dresden geboren und wächst dort auf. Berlin ist weit weg, aber 1988 fahren er, sein Vater und sein Bruder in die Hauptstadt der DDR, um am Brandenburger Tor zu schauen, wie die Mauer aussieht. Den Großonkel in Westberlin dürfen sie jedoch nicht besuchen.

Im September 1989 wird Johannes eingeschult. Die Schule beginnt noch nach
DDR-Verhältnissen. In den ersten Schulwochen werden die Erstklässler bei den Jungpionieren aufgenommen. Doch Johannes‘ Eltern wollen nicht, dass er ein Pionier wird, denn sie stehen der DDR kritisch gegenüber. Deshalb darf Johannes, wie auch zwei weitere Mitschüler seiner Klasse, nicht an der Aufnahmezeremonie teilnehmen.

Johannes Mutter engagiert sich in der Bürgerbewegung und sie nimmt ihn mit zu einigen Montagsdemonstrationen. Er erinnert sich daran, dass ihm manchmal das Kerzenwachs auf die Hände tropft. Eines Tages hört die Familie, dass die Stasi-Zentrale in der Stadt besetzt werden soll. Ein Elternteil nimmt an dieser Besetzung teil, der andere bleibt bei den Kindern.

Das erste Silvester nach dem Fall der Mauer feiert die Familie in Göttingen bei Freunden. Johannes erinnert sich bis heute, dass die Kinder der Freunde Sternenaufkleber an den Wänden hatten, die im Dunkeln leuchteten und ihn faszinierten.

Auf ihren ersten Reisen nach dem Mauerfall besucht die Familie Bekannte und Freunde in Westdeutschland. Mit Freunden in Frankfurt am Main tauschen sie für einen Urlaub ihren Trabi gegen einen Mitsubishi, mit dem sie dann weiter nach Italien fahren.

In den 1990er Jahren beobachtet Johannes, dass in seinem Umfeld Familien auseinanderbrechen und seine Freunde teilweise nur noch bei einem Elternteil aufwachsen. Seine Eltern bleiben hingegen zusammen und nutzen in der Wendezeit die neugewonnenen Freiheiten. Johannes‘ Mutter studiert noch einmal und sein Vater übernimmt eine Praxis. Zudem erinnert sich Johannes, dass trotz mancher finanzieller Engpässe und dem Gefühl der Unsicherheit, die Familie dem Wandel positiv und optimistisch gegenüberstand.

Johannes’ erster Berufswunsch ist Archäologe. Alte Mauern und Ruinen faszinieren ihn. Später will er Journalist oder Weltreisender werden. Nach dem Abitur entscheidet er sich dann für das Studium der Politikwissenschaften.

Als Jugendlicher setzt er sich häufig mit den politischen Ereignissen im Herbst 1989 auseinander. Er erinnert sich insbesondere an ein Buch, das Bilder von den Ereignissen um den Dresdner Hauptbahnhof am 4. Oktober des Jahres zeigte. Darauf sieht man, wie tausende Fluchtwillige versuchen, auf die durchfahrenden Züge aufzuspringen, die von Prag aus nach Westdeutschland führen. Die Polizei versucht, sie gewaltsam davon abzuhalten. Seine eigenen politischen Ansichten sind geprägt durch diese Zeit. Es geht ihm um Gerechtigkeit und Teilhabe. In den 1990er Jahren heißt das: links sein. Er engagiert sich, wo immer es geht: als Klassensprecher, Froschretter, Austauschschüler, Schülerzeitungsredakteur und schließlich Politikstudent. Er geht seinen Weg ohne ganz genauen Plan, aber immer mit dem Gefühl, dass noch etwas Spannendes zu finden ist.

Heute lebt und arbeitet Johannes in Berlin.

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