Kategorie: Zeitzeugen

Florian, geboren 1979 in Magdeburg

„Auch wenn es nach Klischee klingt, bin ich froh, meine Primärsozialisierung in der DDR verbracht zu haben.“

Kurzbiografie

Florian wird 1979 in Magdeburg geboren. Die Familie wohnt am Stadtrand in einem großen Neubaugebiet. Florian wächst in einem politisch sehr kritischen Elternhaus auf. Der Vater war als Jugendlicher zwei Jahre im Jugendstrafvollzug, nachdem er versucht hatte, aus der DDR zu fliehen. Nach der Entlassung suchte er Kontakt zu Literatur- und Oppositionskreisen. Als Florian acht Jahre alt ist, erzählt ihm sein Vater von seiner Haft. Inzwischen ist er Leiter in einem Heim der Diakonie für behinderte Menschen. Viele, die dort arbeiten, passen sonst nicht ins DDR-System. Florians Mutter ist Unterstufenlehrerin. Auch sie äußert ihren Unmut über die Lebensverhältnisse in der DDR. So bekommt Florian schon früh die zahlreichen Widersprüche zwischen offizieller Propaganda und Lebenswirklichkeit in der DDR mit. Zu den Eltern der Mutter hat Florian eine enge Beziehung, besonders zum Großvater. Der ist überzeugtes SED-Mitglied, hat in Moskau studiert und unterrichtet Staatsbürgerkunde und Russisch. Er ist aktiver Reservist für die NVA. Florian fühlt sich durch beide Perspektiven auf die DDR gleich stark geprägt.

Er erlebt eine harmonische und sehr freie Kindheit. 1986 kommt er in die Schule. Der Unterricht fällt ihm leicht. In der Pioniergruppe seiner Klasse übernimmt Florian Funktionen im Gruppenrat. Nach der Schule und an den Wochenenden ist er mit seinen Freunden aus seinem Wohngebiet zusammen. Sie kommen aus Familien mit ganz unterschiedlichem sozialen Hintergrund: Kinder von Arbeiter*innen, Professor*innen, Ärzt*innen, Bausoldaten, Verkäuferinnen usw. Die Kinder spielen im Wäldchen neben dem Neubaugebiet. Im einem benachbarten Wohnblock wohnen sowjetische Soldaten, die in der DDR stationiert sind. Mit deren Kindern spielen Florian und seine Freunde Tischtennis oder Fußball, manchmal kommt es aber auch zu Raufereien.

Die politischen Veränderungen in der DDR seit dem Sommer 1989 bekommt Florian bewusst mit. Er kommt gerade in die 5. Klasse und wird Thälmannpionier. Zuhause drehen sich die Gespräche um die politische Lage, die Eltern streiten mit den Großeltern. Die Eltern wollen sich an den Montagsdemonstrationen beteiligen, haben Hoffnung, dass sich die Forderungen der Opposition nach einer Demokratisierung der DDR erfüllen würden. Als bereits wenige Wochen nach dem Mauerfall die Weichen zur Wiedervereinigung gestellt werden, sind sie enttäuscht. Sie wollen den Sozialismus eher durch Reformen verbessern.  

Nur wenige Tage nach dem 9. November 1989 besucht Florians Familie das erste Mal Verwandte in der Bundesrepublik in Wolfsburg. Sie werden von unbekannten Menschen mit Bananen und Milka-Schokolade beschenkt. Im ersten Spielzeugladen in der Bunderepublik werden Florians Erwartungen dann aber enttäuscht, denn das Angebot an Asterix-Heften und Lego kennt er längst aus den vielen Westpaketen an seine Familie.

Bereits im Sommer nach der Wiedervereinigung Deutschlands zieht Florians Familie in die Bundesrepublik. Der Vater hat eine neue Arbeitsstelle in der Westpfalz. Die Mutter jedoch kann dort nicht weiter als Lehrerin arbeiten, weil ihr DDR-Studienabschluss nicht anerkannt wird. Das ist für sie ein herber Schlag. Auch Florian fallen die ersten zwei Jahre in der neuen Umgebung schwer. Mit dem Wegzug verliert er seinen bisherigen Freundeskreis. Er ist zwölf Jahre alt, ein Teenager, und weiß nicht, wie das Leben nun im Westen verlaufen soll. Er reagiert mit Abgrenzung und weigert sich, den neuen Dialekt zu sprechen oder die neuen Lebensverhältnisse  zu mögen. Vor allem aber definiert er sich in diesen ersten Jahren über seine DDR-Herkunft. Ab seinem 14. Lebensjahr engagiert sich Florian politisch, was für die anderen westpfälzer Jugendlichen eher untypisch ist.  

Nach dem Abitur 1999 geht er zum Zivildienst auf eine palliative Krebsstation nach Tübingen. Anschließend beginnt Florian dort ein Politikwissenschaftsstudium. Er interessiert sich vor allem für Lateinamerika, bereist in den Semesterferien Mittel- und Südamerika. 2004 studiert er ein Jahr in Santiago de Chile und schließt dort ein halbjähriges Praktikum bei der Vertretung der Europäischen Kommission an. Nach dem Studienabschluss 2007 geht Florian in die Entwicklungspolitik und bleibt seinem thematischen Schwerpunkt treu. 2012 gründet er zusammen mit einigen Freunden Amerika 21, eine Nachrichtenagentur zu Lateinamerika.

Für Florian hat sein Lebensweg viel mit den Prägungen aus seiner Kindheit in der DDR zu tun, in der Geld und Status wenig bedeuteten und in der er Hilfsbereitschaft in seinem sozial ganz bunten Wohn- und Schulumfeld kennengelernt hat. Und seine Neugier auf Lateinamerika führt er auch ein bisschen auf die Solidaritätsaktionen für Nicaragua in seiner Kindergarten- und Schulzeit zurück.

 Florian lebt und arbeitet heute in Berlin.

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Nadja, geboren 1981
in Gera

„Das Ende der DDR und die Transformationszeit war für die Menschen so existenziell. Es hat uns als Gemeinschaft verbunden, fernab von Status.“

Kurzbiografie

Nadja wird 1981 in Gera geboren. Sie wächst in einem großen Neubaugebiet auf, in dem Menschen aus allen Berufsgruppen und Schichten wohnen. Mit den anderen Kindern erlebt Nadja dort eine wilde und freie Kindheit. Abends hängt ein Wischtuch im Fenster, wenn sie nach Hause kommen soll.

Nadjas Mutter ist diplomierte Grafikerin und arbeitet freiberuflich in einem Atelier neben der Wohnung. Dort hat auch der Vater eine Dunkelkammer zur Entwicklung von Fotos. Er ist Betriebsfotograf beim Bergbauunternehmen Wismut. Durch ihre Arbeit behaupten sich die Eltern immer auch in ihrer Individualität und Unabhängigkeit in der DDR. Das künstlerische Umfeld der Eltern prägt Nadja von Beginn an: Sie probiert sich im Atelier aus, regelmäßig sind befreundete Künstler*innen zu Gast, die Wohnungstür steht jedem offen. Dort wird Politik hinterfragt, analysiert und diskutiert.

1987 kommt Nadja in die Schule. Der Unterricht fällt ihr leicht. Auf Fahnenapellen und Pioniernachmittagen lernt sie als Pionierin die sozialistische Erziehung in der DDR kennen. Als gute Schülerin soll Nadja in der Freizeit Aufgaben übernehmen. Das sind für sie eher öde Routinen. Schnell begreift sie, dass ihre Familie ein gänzlich anderes Leben führt, als das, was sie in ihrem Umfeld wahrnimmt oder ihr in der Schule beigebracht wird. Darauf ist sie stolz. In den ersten Schuljahren lernt Nadja auch, wie wichtig Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Schwächeren sind.

Im Sommer 1989 fährt die Familie nach Ungarn in den Urlaub. Dort waren im August hunderte DDR-Bürger über die Grenze zu Österreich in den Westen geflohen. Zuhause befürchtet Nadjas Oma, dass ihre Familie den Urlaub ebenso zur Flucht nutzen will. Aber sie kommen zurück nach Gera. Doch das Interesse an den politischen Veränderungen ist groß, der Fernseher läuft permanent, egal ob Aktuelle Kamera oder Tagesschau. In Nadjas Schulklasse fehlen irgendwann Mitschüler. Es wird gemunkelt, sie seien „rübergegangen“. In der Schule spricht niemand darüber. Bald finden die Montagsdemonstrationen in vielen Städten statt, auch in Gera. Nadja darf ihre Eltern dahin begleiten. Als am 9. November 1989 die DDR-Regierung neue Reiseregelungen verkündet, ist Nadjas Familie sofort klar, dass damit die Grenzen offen sind. Die Bilder der kommenden Tage brennen sich in Nadjas Gedächtnis ein: tausende Menschen an und auf der Mauer in Berlin oder in ihren Autos gen Westen fahrend, Tränen und Jubel. Nadjas Familie fährt im Dezember erst vergleichsweise spät in die Bundesrepublik. Der Wohlstand ihrer Verwandten in Passau ist wie ein Schock für sie.

Nadjas Heimatstadt Gera verändert sich nach dem Mauerfall sehr. Industriebetriebe schließen, viele Menschen verlieren ihre Arbeit, die sozialen Unterschiede nehmen schnell zu. Familien von Freunden brechen auseinander, Angst ist zu spüren, Stasi-Vorwürfe gegen Freunde oder Nachbarn kursieren, Schüler hegen Misstrauen gegen ihre Lehrer. Viele Mitschüler schaffen es nach der vierten Klasse nicht aufs Gymnasium. Nadja hingegen schon. Dafür wird sie nun von ihnen ausgegrenzt. Nadjas Eltern haben in den ersten Jahren nach dem Systemwechsel wenig Zeit. Mit viel Geschick lernen sie die Möglichkeiten des Grafikdesigns am Computer. So schließen sie bis Mitte der 1990er-Jahre beruflich auf den westlichen Standard auf. Dafür erfahren sie auch Missgunst und Neid in ihrem bisherigen Wohnumfeld. 1995 zieht die Familie in die Innenstadt von Gera.

Für Nadja wird es ein schwieriger Neuanfang. Sie wird an der neuen Schule nicht freundlich aufgenommen. Sie sucht sich Freunde außerhalb der Klasse, bereist in den Ferien viele Länder und entdeckt als 14-/15-Jährige die freie Kulturszene der Stadt, tanzt Nächte in illegalen Clubs durch. Dass sie minderjährig ist, interessiert zu der Zeit niemanden.

Nach dem Abitur will Nadja möglichst schnell weg aus Gera. Sie will Künstlerin werden, frei sein, nicht ins System passen müssen. Sie geht 1999 zum Kunststudium an die HfBK Dresden, wird 2004 Meisterschülerin. Durch Stipendien lebt sie zeitweilig in Moskau und Wien.

In zwei Systemen aufgewachsen zu sein, hat für Nadja zur Folge, dass sie sich im jetzigen nicht richtig heimisch fühlt. Sie empfindet vielmehr eine Distanz gegenüber Ideologien und Dogmen und möchte sich eine kritische Haltung bewahren. Denn sie hat erlebt, dass morgen Wertungen überholt sein können. Wichtig sind ihr die Erinnerungen an eine weniger klassengeprägte Gesellschaft in der DDR, in der sie Frauen gleichberechtigt sah. In der Transformationszeit lernt sie: Auf die Straße gehen, statt passiv zu bleiben, das ist politisch. Bis heute geht sie auf Demonstrationen. Und sie zieht aus dem Systemumbruch die Erfahrung, keine Angst vor Veränderungen zu haben und neue Dinge anzunehmen.

Seit 2007 lebt Nadja in Berlin und arbeitet als freischaffende Künstlerin.

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Katharina, geboren 1982
in Waren (Müritz)

„Die Wende ist der historische Glücksfall für mich. Mein Leben wäre sonst komplett anders verlaufen.“

Kurzbiografie

Katharina wird 1982 in Waren (Müritz) geboren. Sie wächst als jüngste von vier Geschwistern auf. Der Vater ist Diakon, die Mutter arbeitet in einem Kindergarten. Der Glaube prägt die Familie und ihre Lebensbedingungen in der DDR. Katharina wird katholisch getauft, geht schon früh in den Religionsunterricht und nimmt im Sommer am Jugendfreizeitlager der Katholischen Kirche – der Religiösen Kinderwoche – teil. Dort hören die Kinder nicht nur Bibelgeschichten, sondern können auch einfach spielen und baden gehen. Die Verbindung, die in den Sommerwochen unter den katholischen Kindern entsteht, trägt über die Ferien hinaus.

Mehrere ihrer Verwandten wohnen in Westdeutschland. Dort dürfen entweder nur die Mutter oder der Vater zu Besuch hinfahren. Katharina und ihren Geschwistern wird die Ausreise nicht genehmigt. Pakete aus dem Westen sind eine große Unterstützung für die Familie. Stets sind auch Bücher und Kleidungsstücke für die Kinder dabei. Die Freude über einen Pullover oder ein Lieblingsbuch daraus aber kann Katharina nicht im Kindergarten teilen: Dort verbietet man ihr solche westlichen Dinge und ermahnt sie, damit nicht weiter zu prahlen. Auch aus dieser Erfahrung lernt sie, dass es in der DDR ein privates Leben zuhause gibt und ein Leben außerhalb, wo man beispielsweise nichts von den Verwandten, ihren Paketen oder vom Westfernsehen erzählt.

Im September 1989 kommt Katharina in die Schule. Dort setzt sich die Erfahrung fort, dass ihr Leben anders ist, als das der anderen Kinder in ihrer Klasse. Sie verheimlicht, dass sie montags in den Religionsunterricht geht. Fragen nach dem Beruf ihres Vaters versucht sie auszuweichen. Kurz nach ihrer Einschulung aber ist im Land etwas im Gange. Der Vater nimmt Katharina mit auf die Montagsdemonstrationen in Waren. Und er erklärt ihr, dass die Mauer inzwischen ein Loch habe. Wenn sie fiele, würde es die DDR nicht mehr geben. Das malt Katharina auf und ihre Mutter schreibt unter das Bild mit der Mauer und dem Loch das Datum 8. November 1989.

Dass einen Tag später die Grenzen der DDR geöffnet werden, bekommt Katharina dann aber gar nicht bewusst mit. Erst durch die Fernsehbilder von Menschen, die in Berlin auf die Mauer klettern oder von Trabbis und Wartburgs, die in Schlange durch eine Menge jubelnder Menschen fahren, begreift sie es. Ihr ältester Bruder fährt mit Freunden nach Berlin und bringt stolz herausgeklopfte Stücke aus der Mauer mit nach Hause. Eine Zeit lang gibt es nun selbst für den Schulalltag keinen Plan. Ob samstags noch Schule ist, erfährt Katharina immer erst durch Mundpropaganda.

Nach dem Ende der DDR verbessern sich die Lebensbedingungen für Katharinas Familie. Es wird eine Zeit des Wiedersehens mit den Verwandten im Westen und mit vielen Reisen. Vor allem aber ist die Zeit vorbei, in der der SED-Staat Katharinas Eltern und Großeltern aufgrund ihrer Glaubenspraxis unter Druck setzen, ausgrenzen oder überwachen kann. Noch zu DDR-Zeiten hatte der Vater bemerkt, dass in Abwesenheit der Familie mehrfach Fremde in der Wohnung gewesen waren. Nun erfahren die Eltern auch von der damaligen Spitzeltätigkeit mehrerer Nachbarn für das MfS gegen den Vater. Er äußert darüber niemals Groll, höchstens Enttäuschung. Und er gibt zu bedenken, dass man niemals wissen könne, unter welchen Umständen jemand zum Stasi-Spitzel geworden sei.

1993 kommt Katharina im Alter von elf Jahren aufs Gymnasium. Bald schon ist sie eine Jugendliche, die die Freiheiten der neuen Zeit sieht und nutzen will. Sie träumt von der Großstadt und vom Ausland und wird sich bewusst, dass sie dafür ihr vertrautes Zuhause verlassen muss. Bereits in den Sommerferien nach der 11. Klasse arbeitet sie sechs Wochen in Norwegen. Nach dem Abitur 2002 geht sie für einen Sprachkurs nach England. Anschließend studiert Katharina Journalistik und Anglistik in Leipzig und absolviert begleitend Praktika bei Zeitungen, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Nachrichtenagenturen.

2009 schließt Katharina ihr Studium ab. Sie arbeitet als Nachrichtenredakteurin unter anderem beim SWR in Baden-Baden und erlangt ein Journalismus-Stipendium in den Niederlanden.

Mit dem Umzug nach Berlin 2017 ist sie wieder näher an ihrer Heimat und damit an der Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Familie. Das Wissen, welch schweren Weg ihre Eltern und ihre Großeltern wegen ihres Glaubens in der DDR gehen mussten, prägt sie bis heute. Und sie weiß auch, dass ihre Eltern gleichzeitig versucht haben, ihre Kinder vor den Repressalien des SED-Staates zu beschützen, um ihnen eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Daraus zieht Katharina heute ihre Verantwortung für ihr eigenes Kind. Aber auch ihre Motivation, als Zeitzeugin mit anderen ins Gespräch darüber zu kommen, wie Lebenswege verlaufen können, wenn der Staat versucht, sie nach seinem Willen zu formen. Ganz klar schätzt Katharina die persönlichen und staatsbürgerlichen Freiheiten, die ihrem Leben mit der Wiedervereinigung geschenkt wurden.

Katharina lebt und arbeitet heute in Berlin.

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Sandro, geboren 1975
in Halle (Saale)

„Mit dem Mauerfall wurde mein Traum, Berufssoldat der NVA zu werden, zerstört – der ‚böse Kapitalist’ im Westen war nicht mehr unser Feind, sondern ist zu einem Freund geworden“

Kurzbiografie

Sandro wird 1975 in Halle (Saale) geboren und wächst in einem kleinen Ort bei Weißenfels auf. Als Kind spielt er meist mit seinen Freunden draußen in der Natur. Das ist für sie ein großes Abenteuer, manchmal übernachten sie allein im Zelt. In seiner Kindheit auf dem Dorf fühlt er sich behütet und beschützt. Er übernimmt immer wieder Aufgaben im Haushalt und lernt früh, auch älteren Menschen im Haus zu helfen. Mit vier Jahren lernt er Fahrrad fahren und radelt fortan allein in den Kindergarten.

1982 kommt Sandro in die Schule. Er ist ein durchschnittlich guter Schüler. Viel wichtiger sind ihm aber die gemeinsamen Nachmittage mit seinen Freunden. Schon als Kind lernt er, dass man in der DDR nicht alles kaufen, vieles aber selber bauen oder reparieren kann. Als 1983 der australische Film Die BMX-Bande auch die Jugendlichen in der DDR begeistert, bauen sich die Freunde ihre BMX-Räder selbst.

Bereits früh hat Sandro den Wunsch, nach der Schule zur NVA zu gehen und Offizier zu werden. Diesen Traum hält er mit dem Kinderbuch Meine Nationale Volksarmee wach. Er verbindet mit seinem Berufswunsch die Vorstellung, sein Land DDR vor „dem bösen Kapitalisten aus dem Westen“ beschützen zu müssen, so, wie er es im Kindergarten und in der Schule lernt.

Zu Beginn des 7. Schuljahres – Sandro ist 14 Jahre alt – gibt es in Leipzig die ersten Demonstrationen nach dem Friedensgebet montags in der Nikolaikirche. Sandro sieht die Montagsdemonstrationen im Fernsehen. Viele seiner Freunde fahren sogar nach Leipzig, weil sie schauen wollen, was auf den Demos los ist. Bei Sandro zuhause hingegen läuft alles weiter wie immer. Dass am 9. November 1989 dann sogar die Grenzen geöffnet werden, erfährt er erst am nächsten Tag in der Schule, als er sich darüber wundert, dass nur so wenige Mitschüler da sind. Aufgeregt erzählt er seinen Eltern zuhause vom Mauerfall. Die wissen zwar schon Bescheid, scheinen aber ganz gelassen zu sein. Sandro hat den Eindruck, dass sie sich erst einmal klar werden wollen, was der politische Umbruch nun bedeuten könnte.

Für Sandro bricht mit der DDR auch seine Vorstellung von der Zukunft zusammen. Auf einmal kann er nicht mehr Offizier der NVA werden. Der einst „böse Feind“ ist nun zu einem Freund geworden, der die DDR-Bürger mit Geld begrüßt und mit ihnen eine gemeinsame Zukunft aufbauen will. Sandro will Gutes bewirken, doch alles, woran er bisher geglaubt hat, ist binnen weniger Monate nicht mehr gültig. Er muss sich neu orientieren.

Sein persönliches Umfeld bleibt nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands im Großen und Ganzes stabil. Aus dem festen Freundeskreis ziehen nur wenige in den Westen. Aber seine Eltern und Verwandten machen Anfang der 1990er-Jahre die Erfahrung, dass ihre Betriebe schließen, sie ihre Arbeit verlieren und manche ihre bisherigen Berufe nicht mehr ausüben können. Sandro beobachtet, dass sie erst einmal nicht wissen, wie es weitergeht. Sie müssen zum Teil neue Berufe erlernen.

Er hingegen entdeckt in der neuen Freiheit aber auch neue Möglichkeiten: Er kann sich jetzt beispielsweise die T-Shirts seiner Lieblingsbands kaufen, die er sich vor 1989 noch mühsam selbst bemalt hat. Und auch deren Musik bekommt er nun ganz einfach auf Platte oder Kassette, statt die Musik nur vom Radio aufnehmen zu können.

1992 schließt Sandro nach der 10. Klasse die Schule ab. Nachdem sich sein Berufswunsch zerschlagen hat, beginnt er eine Ausbildung zum Dachdecker. Er bleibt in seiner Heimatregion in und um Weißenfels und arbeitet nach der Abschlussprüfung 1995 bei einer Gerüstbaufirma. Zwei Jahre später geht er zum Zivildienst beim Fahrdienst des Deutschen Roten Kreuzes für behinderte Menschen. Diese Erfahrung prägt ihn stark und er findet darin seine eigentliche Berufung: Fortan betreut er geistig und körperlich behinderte Menschen in einem Wohnheim. 2017 lässt er sich berufsbegleitend zum Heilerziehungspfleger ausbilden.

Wenn Sandro heute auf seine eigene DDR-Erfahrung zurückschaut, dann ist das, als ob zwei Wahrheiten nebeneinander stehen: Seine behütete Kindheit und Jugend, in der er lernt, den Sozialismus beschützen zu wollen. Und auf der anderen Seite die Erkenntnisse nach 1989/90 über die marode DDR-Wirtschaft oder Mitarbeiter der Stasi, die auch in seinem persönlichen Umfeld lebten. Er fragt sich, ob auch er mit ihnen in Konflikt geraten wäre.

Sandro hat zwei Söhne und lebt heute in Weißenfels.

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Marco, geboren 1977
in Heidenau

„Besser man wahrte (als Schüler) den sozialistischen Schein und behielt seine eigentliche Meinung für sich.“

Kurzbiografie

Marco wird 1977 in Heidenau bei Dresden geboren. Er wächst mit seinem drei Jahre älteren Bruder auf. Die Eltern arbeiten beide als Ökonomen. Der Mutter ist es wichtig, dass ihre Söhne im Geiste des Humanismus erzogen werden, den sie in der Idee des Sozialismus wiederfindet. Der Vater ist SED-Mitglied und gibt sich linientreu, obwohl er im Privaten schon mal auf den „Scheißstaat“ schimpft.

Als Kind in der DDR der frühen 1980er-Jahre bekommt Marco den Mangel mit, der die Lebensverhältnisse der Menschen prägt: langes Schlange stehen am Lebensmittelgeschäft oder am Kiosk für Bananen oder für ein rares Exemplar einer Zeitschrift. Für ihn als Kind gehört all das zum Alltag. Nur cooles Westspielzeug oder Comics hätte er gern gehabt. Reisen in die weite Welt hingegen wünscht er sich damals noch nicht – als Kind hat er eher Ehrfurcht vor dem Ungewissen.

1983 kommt Marco in Heidenau in die Schule. Von Anfang an ist er ein guter Schüler. Deshalb wird von ihm erwartet, sich als Mitglied und Vorsitzender des Gruppenrats für die Pionierorganisation einzubringen. Was dort propagiert wird, sind für ihn nur auswendig gelernte, immer gleiche Phrasen, an die er persönlich nicht glaubt. Dennoch erfüllt er die lästigen Pflichten, um seinen Lehrern nicht zu missfallen. Er wünscht sich deren Lob und Anerkennung. Heute fragt er sich, wie er sich als Erwachsener in ähnlichen Situationen verhalten hätte.

Im Sommer 1989 ist Marco zwölf Jahre alt und fährt in ein Ferienlager am Werbellinsee. Der Betreuer, der gerade von der NVA kommt, erniedrigt die 10- bis 12-Jährigen mit militärischem Drill. Das verstärkt Marcos Angst vor dem Wehrkundeunterricht ab der 9. Klasse und noch mehr vor einer später anstehenden Verpflichtung zur NVA.

Seit dem Sommer 1989 scheint etwas im Umbruch zu sein: In den Sommerferien fliehen DDR-Bürger im Urlaub in Ungarn über Österreich in den Westen, andere besetzen die westdeutsche Botschaft in Prag und dürfen Anfang Oktober mit dem Zug in die BRD ausreisen. Marco kann die Züge von seinem Fenster aus durch Heidenau fahren sehen. Im Staatsbürgerkundeunterricht wird nun nicht mehr die Überlegenheit des Sozialismus propagiert. Seine Mutter und sein Bruder gehen auf die Montagsdemonstrationen.

Am 9. November 1989 sieht er im Fernsehen die Pressekonferenz, die zur Öffnung der Grenzen führt. Die Tragweite versteht er aber erst in den nächsten Tagen. Er malt sich aus, dass er bald all das kaufen kann, wofür er sich bisher am Intershop die Nase platt gedrückt hat. Das erste Mal fährt die Familie erst Anfang Dezember nach Westberlin. Vorher findet seine Mutter die neue politische Situation zu unsicher. Für Marco ist es ein aufregender Tag. Er ist von den Lichtern und Läden auf dem Ku‘damm fasziniert, aber abends auch total übersättigt von all den Eindrücken.

Für Marcos Eltern ändern sich die beruflichen Rahmenbedingungen nun sehr schnell. Die Mutter kämpft im neu gegründeten Betriebsrat mit der Treuhand für eine Umwandlung des Volkseigenen Betriebes in eine GmbH. Aufgrund von sehr unterschiedlichen Interessen der Beteiligten erfährt sie sowohl großen Unmut vom alten Betriebsleiter als auch von einigen Kollegen. Bald wechselt sie in eine andere Firma, kann Umschulungen nutzen und kommt in der neuen Arbeitswelt gut an. Marcos Vater hingegen unterschätzt die Veränderungen, wird 1994 arbeitslos, was bis zu seiner Frühverrentung weitestgehend so bleibt. Die Frage, ob das Geld reicht, stellt sich nun häufiger.

In dieser Umbruchszeit sind die Eltern sehr mit sich beschäftigt. Marco lernt schnell, für vieles selbst Verantwortung zu übernehmen. 1991 kommt er mit der 9. Klasse aufs Gymnasium. Er spürt, wie der Leistungsdruck enorm steigt. Manche Mitschüler schaffen es nicht und wechseln auf die Realschule.

Von seinem gesparten Begrüßungsgeld kauft sich Marco den ersten eigenen Computer. Nicht nur die Computerspiele faszinieren ihn, bald entdeckt er das Programmieren für sich. Daraus entsteht sein Wunsch, Informatiker zu werden. Im Herbst 1995 nimmt er ein Studium an der HTW Dresden auf. Er absolviert Praxissemester in Hamburg und Düsseldorf und schreibt 2000 seine Diplomarbeit in Berlin. Nach dem Studium wird Marco Softwareentwickler bei der Robert-Bosch-GmbH in Hildesheim in Niedersachsen, für die er 2009 zeitweilig auch in die USA geht.

Seiner alten Heimat fühlt sich Marco weiterhin verbunden. Mit Sorge sieht er dort den starken Zuspruch für rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien. Er wünscht sich, dass viele Menschen nicht so einfache Erklärungsangebote suchen würden. Auch wenn er weiß, dass bei manch einem der Grund in erlebten Demütigungen nach der Wiedervereinigung liegt. Marco selbst kennt dieses Gefühl, wenn Menschen bezüglich seiner Herkunft abfällig reagieren.

Marco lebt und arbeitet heute in Hildesheim. In seiner Freizeit fotografiert er und moderiert beim Bürgerradio Sportsendungen.

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Sandy, geboren 1981
in Gardelegen

„Im Westen war ich der doofe Ossi, im Osten war ich der Wessi, der sich für etwas besseres hält.“

Kurzbiografie

Sandy wird 1981 in Gardelegen in Sachsen-Anhalt geboren. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr wächst sie in einem kleinen Dorf in der Nähe auf, wo sie mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder wohnt. Das Dorf ist landwirtschaftlich geprägt, Vater, Opa und Oma arbeiten dort als Melker. Das Dorf erlebt sie als Zuhause und Abenteuerspielplatz.

Sandy lebt in dem Gefühl von Geborgenheit, familiärem Zusammenhalt und gegenseitigem Vertrauen. An Essen, Kleidung oder Spielsachen mangelt es ihr nicht; was sie sich wünscht, bringt der Weihnachtsmann oder der Osterhase. Die Großeltern wohnen in Sandys Nähe. Durch den Respekt, den die Menschen im Dorf dem Großvater entgegenbringen, fühlt sie sich beschützt. Das Leben verläuft in ruhigen Bahnen.

Über die politischen Verhältnisse in der DDR reden die Eltern wenig und wenn, dann nur zuhause, wie beispielsweise über westdeutsche Fernsehsendungen oder auch, wer im Umfeld als IM für die Stasi spitzelt. Dass im Herbst 1989 – da ist Sandy acht Jahre alt – Menschen in der DDR zu Zehntausenden gegen die SED-Führung demonstrieren, davon bekommen die Kinder zuhause nichts mit. Für Sandy ist 1989 ein ganz normales Jahr: Sie bekommt ein sehr gutes Zeugnis und erhält dafür im Pionierlager vorzeitig das rote Pionierhalstuch, worauf sie stolz ist.

Am 4. November 1989 flieht die Familie nach Westdeutschland. Das kommt für Sandy komplett überraschend. Auf einmal lebt sie in einem anderen Ort, in einem anderen Land und muss auf eine Schule gehen, wo alle ganz anders aufgewachsen sind als sie. Sie fühlt sich hilflos, andersartig und gedemütigt, als Lehrer keine Rücksicht darauf nehmen, dass sie manchen Schulstoff noch nicht beherrscht. Ihre Noten sacken ab und auch zuhause erfährt sie dafür kein Verständnis. Erst nach und nach holt sie auf, findet Freunde, lernt, sich anzupassen und schiebt alle ihre Probleme und ihren Schmerz als Teenager auf die Pubertät. Dass die Flucht, über die nie mehr gesprochen wird, in ihr ein Trauma hinterlassen hat, begreift sie erst später.

In dieser Zeit fehlt Sandy die familiäre Geborgenheit. Die Eltern haben sehr wenig Zeit, müssen viel arbeiten und sind oft erschöpft – die Familie kommt finanziell nur knapp über die Runden. Sandy wird schnell erwachsen, folgt dem Rat der Eltern, sich anzupassen, nicht aufzufallen und alle Vorurteile, die ihr als „Ossi“ entgegengebracht werden, durch noch mehr Anstrengung auszuräumen. Das Heimweh an früher drückt sie weg, bis sie die Großeltern in der alten Heimat besuchen kann. Aber die inzwischen gefühlte Mauer zwischen ihr und ihren alten Freunden kann sie nicht überwinden. Sie beobachtet, wie sich Jugendliche in ihrer alten Heimat politisch links oder rechts positionieren. Wenn sie deren Haltung hinterfragt, kommt es zum Streit. Gleichzeitig ist sie angezogen von der Freiheit und dem Zusammenhalt der Jugendlichen.

Als Kind wollte Sandy Sekretärin oder Kassiererin werden, als Jugendliche soll es Hotelfachfrau sein – eine Berufsausbildung, denn Abitur und Studium können die Eltern finanziell nicht unterstützen. Zur gleichen Zeit will die Familie wieder näher an die alte Heimat ziehen. Sandys Bewerbungsbemühungen scheitern an der unsicheren Wohnortfrage. Durch Zufall bewirbt sie sich bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main und erhält 1997 den Ausbildungsplatz. Auf einmal ist sie wieder mit Vorbehalten gegen Ostdeutschen konfrontiert: Leute lästern in ihrem Beisein über „Ossis“, weil sie Sandy für eine Westdeutsche halten. Wie nach der Flucht aus der DDR sucht sie sich Freunde, die, wie sie, auch fremd im Land sind und verschiedene Nationalitäten haben.

Mit Mitte Ende 20 lebt sie in Berlin, das Ost und West in sich vereint, wie sie selbst. Sie lernt, ihre Position zu vertreten, ihre Angepasstheit abzulegen und findet dennoch auch hier keine Heimat. Ihre Suche verschlägt sie mit
29 Jahren nach New York, das für sie die Stadt der Immigranten aller Nationalitäten ist, die gut miteinander leben können. Das erste Mal ist sie einfach nur Sandy aus Deutschland. Wenn sie von ihrem Leben in der DDR erzählt, erfährt sie Neugier, keine Ablehnung.

Seit Sandy 21 ist, arbeitet sie die Familiengeschichte auf und findet damit einen Weg aus mehr als 10 Jahren Sprachlosigkeit seit der Flucht. Die Familie unterstützt sie, denn sie alle sind bis heute geprägt von der Flucht und den Veränderungen nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung. Sandy will ihre Erfahrungen nutzen, um als Brückenbauerin zwischen den Generationen zu vermitteln und die Gräben zwischen Ost und West zu überwinden. Für sie ist die Wiedervereinigung ein Beweis dafür, dass Menschen aus Fehlern, die einst gesellschaftspolitisch gemacht wurden, lernen können.

Sandy lebt heute wieder in Berlin.

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Gabriela, geboren 1977
in Sömmerda

Foto GabrielaS
„In der Wendezeit hat mein Vater uns beigebracht, Achtung zu bewahren.“

Kurzbiografie

Gabriela wird 1977 in Sömmerda geboren. Sie wächst mit ihren beiden älteren Schwestern auf einem Vier-Seiten-Bauernhof auf, umgeben von vielen Tieren, um die sich die Eltern und Großeltern kümmern. Schon mit einem Jahr bringt die Mutter Gabriela jeden Morgen um 5 Uhr auf dem Weg zur Arbeit in die Kinderkrippe. Sie ist Lohnbuchhalterin bei Robotron, dem Computerwerk der DDR. Der Vater ist ausgebildeter Tierpfleger und studierter Ingenieur. Er arbeitet in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

Als Gabriela vier Jahre alt ist, zieht die Familie nach Beelitz um. Da ist die Luft für ihre Mutter besser, denn sie hat Asthma. Der Abschied von allen Tieren fällt schwer und in der neuen Stadt ist die Familie zunächst unbeliebt. Sie spüren das Misstrauen und hören das Gerede über die „Zugezogenen“. Gabriela versteht den Neid nicht und was an ihnen fremd sein soll. Zumindest beruflich fassen die Eltern schnell wieder Fuß.

1984 kommt Gabriela in die Schule. Dort wird sie erst Jungpionier, ab der 4. Klasse Thälmannpionier. An Pioniernachmittagen, so erinnert sie sich, wurde gemeinsam gesungen – schöne und traurige Lieder, wie das vom kleinen Trompeter. Oder sie besuchen die Patenbrigade in ihrem Betrieb, die ihnen einmal Kugelschreiber schenkt. Den hütet sie jahrelang wie einen Schatz. Ihr Taschengeld bessert Gabriela auf, indem sie alten Menschen die Einkäufe nach Hause trägt oder Altpapier und Kronkorken sammelt und bei der SERO-Annahmestelle abgibt.

Die Familie fährt manchmal nach Ost-Berlin. Gabriela erinnert sich an den Alexanderplatz und an die große Kaufhalle, in der es dreieckige Tüten mit H-Milch gab, die sie sehr lecker fand und nicht verstand, warum sie die nicht jeden Tag haben kann. Bei Bananen ist ihr das egal, die mag sie ohnehin nicht. Eingesperrt fühlt sie sich in der DDR nicht und Freiheit ist für sie als Kind noch ein abstraktes Wort.

Nach den Sommerferien 1989 verändert sich vieles. Auf einmal sind Menschen, die Gabriela kannte, nicht mehr da. Manchmal von einem Tag auf den anderen. Dann haut auch ihre beste Freundin in den Westen ab. Das tut sehr weh. Die Nachricht von der Öffnung der Grenzübergänge am 9. November löst bei ihrer Familie ein Gefühl der Ohnmacht und Skepsis darüber aus, was nun kommen wird. Also führen sie ihren Alltag zunächst ganz normal fort. Erst viel später als andere fahren sie nach Westberlin. Dort sieht Gabriela, wie westdeutsche Supermarktketten von LKWs herunter Lebensmittel verschenken. Die Menschenmenge unten schubst und drängelt, als stünde sie nach Hilfspakten an. Vom Begrüßungsgeld kauft sich Gabriela einen rosa Radiergummi – den hat sie heute noch.

1990 kommt sie aufs Gymnasium. Und zwei Jahre später in die Pubertät. Als Jugendliche erlebt sie die 1990er-Jahre als frei und grenzenlos. Nicht nur, weil man sich in dem Alter ausprobiert, sondern vor allem, weil die alten Regeln nun nicht mehr zählen. Sie werden eher belächelt. Stattdessen zählen nun Markenartikel, Geld und Selbstdarstellung. Mit 15 Jahren ist Gabriela „anti“ – gegen den Kapitalismus, das Establishment und Ungerechtigkeit – oder das, was sie in dem Alter darunter versteht. Sicherheit hingegen fehlt ihr in dieser Zeit. Die können ihr die Eltern nicht geben. Zu unsicher und mit sich beschäftigt sind sie in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Auf der Höhe ihrer beruflichen Laufbahn müssen sie ein neues Leben beginnen. Ihr altes hat im neuen Gesellschaftssystem keinen Wert mehr. Gabriela hingegen lernt mit der Zeit, mit Selbstbewusstsein zu reagieren, wenn man sie belächelt, weil sie aus dem Osten kommt.

Nach der 10. Klasse wechselt sie aufs humanistische Gymnasium in Potsdam, um Menschen zu treffen, denen Menschlichkeit wichtiger ist als das Äußere. Anfangs lebt sie in einem besetzten Haus, denn das Zimmer im Internat ist zu teuer; dann in Wohnungen, für die sie neben der Schule kellnern geht. Nach dem Abitur beginnt sie mit einem Literaturwissenschaftsstudium, bricht aber nach einem Jahr ab und macht eine kaufmännische Ausbildung. Sie fängt ein Studium der Kultur an. Soziales Engagement für andere Menschen bleibt ihr immer wichtig. Karriere und das große Geld sind ihr hingegen egal. Nach dem Studium bewirbt sie sich bei einem sozialen Unternehmen, das Menschen in benachteiligten Lebenssituationen unterstützt. Dort berät sie auch junge Gründer mit sozialen Ideen, die sie noch aus ihrer Kindheit kennt, wie Nachbarschaftshilfe oder verpackungsfreies Einkaufen. Das weckt Erinnerungen. Sehnsucht nach der DDR hat Gabriela dennoch keine, aber auch die Bundesrepublik wird nicht ihre Heimat. Die bleibt die kleine Stadt Beelitz, in der sie aufgewachsen ist und die sie geprägt hat. Dort lebt sie seit 2016 wieder mit ihrer Tochter.

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Judith, geboren 1976
in Altenburg

Foto JudithE
„Nichts bleibt ewig, alles kann sich ändern, und das sehr schnell.“

Kurzbiografie

Judith wird 1976 in Altenburg im heutigen Thüringen geboren. Drei Jahre später zieht die Familie nach Wittstock, das gut 120 Kilometer nördlich von der Hauptstadt Berlin liegt. Judiths Mutter ist gelernte Krankenschwester, der Vater Straßenbahnschlosser. Beide Eltern absolvieren an einer Arbeiter- und Bauernfakultät einen Abschluss, mit dem sie auf eine Universität gehen dürfen. Sie studieren Medizin und arbeiten im Anschluss als leitende Ärzte. Dennoch treten die Eltern in keine Partei ein und ihren Freundeskreis bezeichnen sie als eher systemkritisch.

Judith geht in den Kindergarten, der zur Arbeitsstelle ihrer Eltern gehört. Im Alter von sechs Jahren wird sie 1982 in eine Polytechnische Oberschule (POS) in Wittstock eingeschult. In der ersten Klasse wird sie Jungpionier, in der 4. Klasse Thälmannpionier. Judith gehört auch zum Gruppenrat der Pioniere, der beispielsweise Pioniernachmittage für alle organisiert. Überhaupt nimmt sie als Kind an vielen Angeboten und Wettbewerben an ihrer Schule teil: Sie sammelt Altstoffe für die SERO-Sammlung, singt im Chor, ist erfolgreich bei Matheolympiaden und ist Mitglied im Mathe- und Russischclub. Im Alter von 13 Jahren wird Judith im Frühjahr 1989 in die FDJ aufgenommen. Die Aufnahmezeremonie findet in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen statt. Als Judith als Erste an ihrer Schule im September 1989 wieder aus der FDJ austritt, wird sie zur Direktorin bestellt und unter Druck gesetzt.

Im Sommerurlaub 1989 in der Slowakei häufen sich die kritischen Gespräche bei den Erwachsenen. Die neue Politik in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow lässt auch sie auf Veränderungen in der DDR hoffen. Als die Familie Ende August 1989 aus den Ferien zurückreist, kommen ihnen all jene entgegen, die die Fluchtchance über Ungarn nutzen wollen.

Dann beginnt die Zeit der Montagsdemonstrationen in Leipzig, über die im Westfernsehen berichtet wird. Auch in Wittstock gibt es ab September 1989 erste Demos. Judith geht mit ihren Freunden hin. Als die DDR am 7. Oktober 1989 den 40. Jahrestag ihrer Gründung feiert, befürchtet die SED-Führung Demonstrationen. Vor allem in Ostberlin soll ein Großaufgebot der Polizei die Feierlichkeiten schützen. Deshalb sind in diesen Tagen Freunde aus Berlin zu Besuch, die sich auf dem Land in Wittstock sicherer fühlen. Sie haben Angst, dass die Staatsführung gewaltsam auf die Demonstrationen reagieren könnte.

Am 9. November 1989 sieht Judith in den Westnachrichten auch den Bericht über die Pressekonferenz mit Günther Schabowski. Als dieser „unverzüglich“ Reiseerleichterungen für
DDR-Bürger ankündigt, weiß sie, dass gerade etwas Wichtiges passiert ist. Sie beobachtet die politischen Veränderungen weiter aufmerksam. Schon Ende 1989 vermutet sie, dass die Parteien aus dem Westen die neugegründeten Parteien und politischen Gruppen in der DDR verdrängen werden. Bald schon ist es vielen Menschen am wichtigsten, auch in der DDR die
D-Mark zu haben. Die Rufe nach einer Wiedervereinigung nehmen zu. Dass damit der eigene Gestaltungswille der DDR-Bürgerbewegung keine Chance bekommen wird, findet sie traurig. Schnell spürt sie einen enormen Druck auf die Ostdeutschen, sich den westdeutschen Verhältnissen und Vorgaben anzupassen.

Für Judiths Eltern bringt die Wendezeit auch große Veränderungen im Beruf mit sich. Ihre Mutter wird arbeitslos und findet eine neue Anstellung in Westdeutschland, der Vater hingegen macht sich als Arzt mit einer Praxis in Wittstock selbständig. Die Eltern leben seit 1985 getrennt. Judith zieht mit ihrer Mutter 1993 nach Marburg. Da ist sie in der 11. Klasse und für sie ist es eine Migrationserfahrung, denn so kurz nach der Wende ist das Leben in einer westdeutschen Stadt so ganz anders als sie es bisher kannte.

Nach einem Jahr geht Judith allein „zurück“ nach Ostberlin und beendet dort das Abitur. Sie studiert an der Freien Universität Politikwissenschaften. Nach zwei Jahren Arbeitserfahrung in Gewerkschaften und wissenschaftlichen Einrichtungen promoviert sie mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung an der Universität Kassel. Während dieser Zeit forscht und arbeitet sie auch in Berlin und New York.

Heute hat Judith einen Sohn. Sie lebt, arbeitet und engagiert sich ehrenamtlich in Berlin.

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Marek, geboren 1978
in Dessau

Foto MarekB
„Ich hatte eine schöne Kindheit und die ging nach der Wende auch so weiter.“

Kurzbiografie

Marek wird 1978 in Dessau geboren. Als er ein Jahr alt ist, gehen seine Eltern beruflich nach Äthiopien, wo die Familie fünf Jahre lebt. Eine Zeit, die seine Kindheit am stärksten prägt und an die er bis heute viele tolle Erinnerungen knüpft. Erst zu seiner Einschulung ziehen sie zurück nach Dessau in ein Neubauviertel. Die Siedlung ist gerade neu entstanden und die umliegenden Baustellen werden für Marek und seine Freunde zu Spielplätzen. In dieser Zeit beginnt er auch mit dem Schwimmen. Er ist darin so gut, dass er 1989 einen Platz an der Sportschule in Halle erhält.

Fortan prägen Sport und Schule seine Kindheit und Jugend. Bis zum Abitur 1997 ist der Tagesablauf darauf ausgerichtet, dass Marek und seine Mitschüler trainieren, die Schule meistern, an Wettkämpfen teilnehmen und sportliche Erfolge erringen. Die Sportschule wird zum Lebensmittelpunkt, er lebt im Internat, schließt dort Freundschaften und fährt an den Wochenenden oft zu Wettkämpfen. Dadurch lernt er viele Städte in Westdeutschland kennen, kommt dort bei Gastfamilien unter und ist anfangs auch schon mal von deren Lebensstandard beeindruckt. Zeit für Freizeit, Hobbys oder nächtliche Ausflüge in Kneipen oder Clubs bleibt ihm nicht. Seine Familie sieht er am Wochenende oder in den Ferien.

An die Friedliche Revolution im Herbst 1989 hat Marek keine bewussten Erinnerungen. Aus der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall weiß er noch, dass Freunde auf einmal weg waren oder dass samstags kein Unterricht mehr stattfand.

An der neuen Schule gab es zudem eine Zeit des Durcheinanders und auch der Verunsicherung: Trainer kamen und gingen und von vielen Mitschülern erfuhr man existenzielle Geschichten aus den Elternhäusern – vom Jobverlust über Stasivorwürfe bis hin zur Auswanderung in den Westen.

Er erinnert sich an den ersten Besuch in Westberlin, den er spannend fand, aber auch an die Verunsicherung seiner Eltern über das, was nun kommen wird. Für seine Eltern ist es eine Zeit der Umbrüche und Veränderungen, in der sie aber beruflich schnell wieder ankommen. Marek hingegen hat das Gefühl, dass das Leben halbwegs normal weitergeht.

Für den Umgang mit der DDR-Geschichte findet er einen Ansatz aus der Geschichtswissenschaft sehr hilfreich. Dieser blickt auf die Alltagsgeschichte der DDR und kann verdeutlichen, dass das Leben unter der SED-Diktatur von Grenzen bestimmt war; dass es aber innerhalb dieser Grenzen sehr wohl möglich war, Kritik zu üben, sein Leben zu leben, berufliche Erfolge zu feiern oder Hobbys zu haben. Diesen alltagsgeschichtlichen Blick auf die DDR findet Marek wertvoll, weil er die Vielfalt ostdeutscher Alltagserfahrungen respektiert. Die Erfahrungen der Ostdeutschen können so als ein Bestandteil der Geschichte des vereinten Deutschlands verstanden werden. Dabei muss man den Alltag nicht verklären und auch nicht infrage stellen, dass die DDR eine Diktatur war.

Für sich persönlich beschreibt Marek die Wende als einen Segen. Er konnte frei reisen und in Berlin studieren, seine Erfahrungen mit neuen Freunden aus Westdeutschland teilen. Er hat einen besseren materiellen Wohlstand und kann sich frei politisch engagieren.

Heute lebt und arbeitet Marek in Berlin.

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Kathleen, geboren 1981
in Neubrandenburg

Foto KathleenL
„Nach und nach zogen alle weg.“

Kurzbiografie

Kathleen wird 1981 in Neubrandenburg geboren und wächst dort auf. Als sie drei Jahre alt ist, zieht die Familie in eine neue Plattenbauwohnung. Sie wohnt im ersten Straßenzug der Siedlung und die Baustellen ringsherum sind wie eine große Sandwüste, in der sie mit anderen Kindern spielt. Im Kindergarten schließt sie Freundschaften mit Kindern, die auch im Viertel wohnen und später mit ihr gemeinsam auf die Schule gehen. Manchmal bleibt sie lange im Kindergarten, bis ihre Eltern sie nach der Arbeit abholen. Beide sind Agraringenieure.

In Kathleens Kindheit hat die Familie noch kein Auto. Erst im Sommer 1989 kauft der Vater für viel Geld einen gebrauchten Trabi. Ein Telefon besitzt nur die Oma, die auf einem kleinen Dorf bei der Post arbeitet. Die Eltern pachten einen Kleingarten, in dem sie viel Obst und Gemüse anbauen. Kathleen und ihre ältere Schwester helfen bei der Gartenarbeit und was die Familie erntet, wird eingeweckt, um einen Vorrat anzulegen. Für manche Dinge, die es in der DDR nur selten zu kaufen gibt, stehen die Menschen an den HO-Läden Schlange. Kathleen erinnert sich, dass sie als Jüngste immer vorgeschickt wurde, wenn es Bananen, Apfelsinen oder Wassermelone gab.

Die Ereignisse im Herbst 1989 verfolgt die Familie in den Nachrichten, aber sie scheinen zunächst weit weg zu sein. Das ändert sich nach dem Mauerfall. Sonnabends kommen immer weniger Kinder zum Unterricht, denn sie fahren mit ihren Familien in den Westen, um das Begrüßungsgeld abzuholen. Bald darauf gibt es schulfrei und dann fällt der 6. Unterrichtstag ganz weg. Auch Kathleens Familie besucht Westberlin. In einem Supermarkt sind ihre Eltern von dem Angebot komplett überfordert. Sie kaufen nur Bananen und ein paar Tafeln Schokolade. Erst beim zweiten Ausflug nach Westberlin kommen ein Radiowecker und je ein Walkman für die beiden Schwestern dazu.

Als Kathleen 1991 aufs Gymnasium kommt, muss sie nicht mehr Russisch als erste Fremdsprache lernen, sondern beginnt mit Englisch. In der DDR wäre sie in der 4. Klasse Thälmannpionier geworden. Dass es die Jugendorganisation nun nicht mehr gibt, enttäuscht sie. Aus Kathleens Wohnumfeld ziehen viele Freunde weg – in neu gebaute Einfamilienhäuser am Stadtrand und in den umliegenden Dörfern, manche ziehen auch in den Westen. Aus dem Hausaufgang im Plattenbau verschwinden nach und nach auch immer mehr der bisherigen Mietparteien, während Kathleens Familie dort wohnen bleibt. Zwar ist ein Umzug in ein Eigenheim immer wieder Thema, aber weil beide Eltern direkt nach der Wende arbeitslos werden und in neuen Berufen Fuß fassen müssen, sind sie unsicher, ob sie so eine große Investition wagen sollen. Wenn Kathleen nach der Schule allein ist, bis die Eltern nach Hause kommen, schaut sie viel fern. Sie kümmert sich selbst um ihr Essen, das oft aus Resten vom Vorabend oder Fertiggerichten besteht. In dieser Zeit klingeln immer wieder Vertreter an der Tür und wollen Versicherungen, Staubsauger und andere Produkte verkaufen.

Die Eltern finden neue Anstellungen als Polier im Straßenbau und als Bürokauffrau. Nach der Wende reist die Familie erstmals auch in fremde Länder – nach Italien an den Gardasee, nach Österreich und in die Tschechoslowakei. Kathleen erlebt ihre Eltern dabei als aufgeregt und manchmal etwas unbeholfen, denn bisher fehlte es ihnen an solchen Reiseerfahrungen. Sie selbst nimmt während des Gymnasiums am Schüleraustausch mit Schweden und Frankreich teil, reist zum Sprachunterricht nach England und zur Klassenfahrt nach Holland. Weil ihre Eltern ein Schuljahr in den USA nicht bezahlen können, sucht Kathleen nach dem Abitur eigene Wege und geht als Au Pair für ein Jahr nach Amerika.

Auslandserfahrungen gehören seit der Wende zu Kathleens Leben. Sie studiert Sprachen, promoviert zur US-amerikanischen Erinnerungskultur und reist regelmäßig in die USA. Die Menschen dort, die Familie ihres spanischen Mannes, aber auch ihre westdeutschen Kolleginnen und Kollegen interessieren sich für ihre ostdeutsche Herkunft. Zu der gehört für Kathleen insbesondere die Beobachtung, welcher Bruch der Mauerfall und seine Folgen in den Lebensbiografien ihrer Eltern war. Und zum anderen ein Heimatgefühl, das sie mit ihrer Kindheit in der DDR verbindet und mit ihren Schulfreunden noch immer teilen kann.

Kathleen lebt heute in Berlin.

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