Henning, geboren 1979
in Karl-Marx-Stadt

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„‘Wiedervereinigung‘ stimmt nicht, da sich für den Osten alles, für den Westen nichts verändert hat – darüber muss geredet werden.“

Kurzbiografie

Henning wird 1979 in Karl-Marx-Stadt geboren. Drei Jahre später zieht die Familie ins nahgelegene Flöha in ein Neubaugebiet, das gerade entsteht. Die Mutter ist Ärztin, der Vater arbeitet beim Rat der Stadt und kümmert sich um Menschen in sozialer Not, über die offiziell niemand redet. Einst wollte er Geschichts- und Deutschlehrer werden. Doch er musste sein Studium beenden, weil seine Interpretation des Marxismus der staatlichen Lehre widersprach. Seither steht er dem Staat trotzend aber auch resigniert gegenüber – er arrangiert sich.

Als Kind hat Henning viel Bewegungsfreiheit. Mit den anderen Kindern aus dem Neubaugebiet spielt er auf dem Abenteuerspielplatz oder im Winter auf dem Rodelhang. Manchmal fährt er allein durch die Siedlung oder spielt hinter dem Wohnhaus, wo ihm die Mutter Bonbons vom Balkon runterwirft. Die Eltern wollen, dass Henning sich frei fühlt. Er soll sagen können, was er denkt und ohne Angst vor Regeln und Zwängen aufwachsen. Nur mit Spielzeugpistolen „Erschießen“ spielen darf er nicht. Er soll begreifen, dass seine Eltern die ständige Präsenz von Waffen im DDR-Alltag nicht normal finden.

1985 wird Henning mit sechs Jahren eingeschult. Unter den 30 Mitschülern in seiner Klasse findet er gute Freunde. Im Unterricht ist ihm schnell langweilig und er zählt die Tage bis zum Wochenende oder den nächsten Ferien. Dabei ist sogar am Sonnabend Unterricht. Die Lehrer sind streng, erwarten von den Kindern Disziplin und dass sie sich an Pionieraktivitäten beteiligen. So übernimmt Henning mal die Wandzeitung, mal wird er Gruppenratsvorsitzender, weil sich sonst niemand dafür meldet. Nach dem Unterricht geht er in den Hort. Die Leiterin findet er toll. Sie warnt Hennings Eltern, dass er in der Schule besser nicht erzählen solle, was zuhause so Kritisches besprochen wird.

Hennings Mutter darf 1987 und 1988 ihre Schwester in Westdeutschland besuchen. Sie bringt ihm und seiner kleinen Schwester Süßigkeiten mit. Den Gedanken, im Westen zu bleiben, lehnt sie ab. Im Frühjahr 1989 zieht die Familie nach Kyritz, weil die Mutter dort als Neurologin und Psychiaterin in der Poliklinik arbeiten soll. Dafür wird der Familie ein Haus zum Wohnen angeboten. Traurig lässt Henning seine Freunde zurück. Im September 1989 kommt er auf einer neuen Schule in die fünfte Klasse. Dort hänseln ihn die anderen Kinder, weil er Sächsisch spricht.

Zur gleichen Zeit scheint in der DDR etwas anders zu laufen als gewohnt. Henning merkt, dass seine Eltern mehr als sonst über die politischen Verhältnisse diskutieren. Und das Westfernsehen zeigt Berichte über Menschen in der DDR, die für Veränderungen im Land demonstrieren, aber auch über DDR-Bürger, die die westdeutsche Botschaft in Prag besetzen und um Ausreise in die BRD bitten. Dann öffnen in der Nacht des 9. November unerwartet die Grenzübergänge nach Westen und die Fernsehbilder zeigen zehntausende Ostdeutsche, die „rübergehen“ oder in den nächsten Wochen und Monaten weiter demonstrieren. In Hennings Familie fragt man sich, wieso plötzlich der Aufruf „Wir sind ein Volk“ zu hören ist und ob nicht auf einmal alles viel zu schnell geht. Wenige Tage nach dem Mauerfall fährt Hennings Familie das erste Mal nach Westberlin, wo Busse die Besucher aus der DDR direkt zu Kaufhäusern fahren. Vom Begrüßungsgeld bekommt Henning ein weißes UKW-Radio.

Mit der siebten Klasse wechselt Henning aufs Gymnasium. Erneut muss er gewonnene Freunde zurücklassen. Unter den neuen Mitschülern geht es rauer zu, Henning hält sich abseits. Ein Jahr später hat er mit 14 Jahren Jugendweihe. Statt einer Feier bekommt er eine Reise in die USA geschenkt. Amerika wird für ihn zum Sehnsuchtsort, zumal er gerade weder gern in der Schule ist noch zuhause. Die Eltern haben vor allem mit sich zu tun: Der Vater verliert 1993 seinen Job im Krankenhaus, nachdem das von einem westdeutschen Unternehmen aufgekauft wurde. Die Mutter eröffnet eine eigene Praxis und verdient fortan das Geld für die Familie allein. Dem neuen politischen System stehen die Eltern ebenso skeptisch gegenüber wie zuvor der DDR. In der Schule sind die Lehrer unsicher darüber, wie sie die Positionen des neuen Systems vermitteln sollen. Sie geben ihre Unsicherheit durch Leistungsdruck an die Schüler weiter. Nach der zehnten Klasse geht Henning als Austauschschüler in die USA. In seiner Gastfamilie eckt er als zu liberal und selbständig erzogen an. Zurück in Deutschland will er zum Abitur lieber auf ein Internat in Thüringen als auf das verhasste Kyritzer Gymnasium. Dort schließt er tiefe Freundschaften mit Mitschülern aus Westdeutschland und lernt deren ganz andere Lebenshintergründe zu verstehen. Während des Wehrdienstes kehrt er noch einmal nach Kyritz zurück. 1998 beginnt Henning sein Studium in Weimar, das er für Aufenthalte in Schweden und Brasilien unterbricht. Nach dem Studium will er bewusst in Ostdeutschland bleiben und zieht nach Leipzig.

Das heutige offizielle Bild von der DDR ist Henning viel zu einseitig und linear erzählt. Er will, dass ostdeutsche Sichtweisen ernstgenommen werden. Dass erzählt wird, dass Menschen 1989 den Sozialismus zum Positiven verändern wollten; warum die Anpassung an das westliche Lebensmodell nicht jedem möglich war oder warum sich radikalisierende rechte Jugendliche nach 1989 das Recht der Meinungsfreiheit ohne Konsequenzen missbrauchen konnten.

Heute lebt und arbeitet Henning in Berlin.

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