Maria, geboren 1977
in Potsdam

Foto MariaBFoto: © Sven Gatter
„Ich habe Zuhause Dinge aus der Schule vertreten, die meine Eltern total ablehnten.“

Kurzbiografie

Maria ist 1977 in Potsdam geboren. Sie wächst in Falkensee auf, das damals zur DDR gehört, aber nah an Westberlin liegt. Oft fährt sie mit ihrer Familie nach Potsdam. Dann sieht sie im Vorbeifahren die Lichter der Hochhäuser von Spandau (Westberlin), die für sie jedoch unerreichbar bleiben.

Ihr Kindheitsgefühl ist geprägt von der Erinnerung an zwei getrennte Leben – ein privates und eines in der Schule: Vieles, was zu Hause besprochen wird, darf in der Schule nicht erzählt werden. Manch wichtige Entscheidung für ihr Leben trifft der SED-Staat für sie, beispielsweise die, dass Maria später nicht das studieren darf, was sie will. Denn ihr Vater ist aus der SED und dadurch wird vieles schwierig oder gar unmöglich. Maria ist eine interessierte Pionierin und aktiv im Gruppenrat. Ihre Eltern gehen wenig mit dem DDR-Regime konform. In der siebten Klasse, in die sie 1989 geht, entsteht so zum ersten Mal Unfrieden in der Familie aufgrund von Meinungsverschiedenheiten: Maria vertritt Ansichten, die sie im Staatsbürgerkundeunterricht lernt und die ihre Eltern ablehnen.

Den Herbst 1989 erlebt Maria als eine Zeit des Aufbruchs. Neues und Unerhörtes liegt in der Luft. Diese Zeit verfolgt sie sehr aufmerksam und schreibt die Meldungen, die in diesen Wochen in den Nachrichten kommen, in ihr Notizbuch.

Als die Grenzübergänge geöffnet werden, ist sie eine der wenigen, die am nächsten Tag zur Schule gehen. Fast alle Schüler ihrer Schule besuchen Westberlin, da Falkensee nicht weit entfernt vom Grenzübergang in Spandau liegt. Auch Marias Eltern fahren mit ihr in den ersten Tagen nach der Maueröffnung nach Westberlin zum Schloss Charlottenburg. Von dem Begrüßungsgeld darf sich jeder der Familie etwas im Wert von fünf Westmark aussuchen. Der Rest wird gespart. Ein Gefühl der absoluten Überforderung bleibt bei Maria an diesen Besuch in Westberlin in Erinnerung. Das liegt vor allem an der noch nie zuvor erlebten riesigen Auswahl an Dingen.

Mit dem Fall der Mauer verändert sich für Maria vieles. Vor 1989 konnte sie sich ihre Zukunft kaum vorstellen, da für sie klar war, dass sich ihr Berufswunsch nicht erfüllen würde. Das ändert sich mit dem Mauerfall schlagartig. Nun kann sie sich ihre weiterführende Schule selber aussuchen. Sie wollte immer Sprachen lernen und später Archäologie studieren. Deshalb wählt sie ein altsprachliches Internat in Naumburg.

Von der Zeit Anfang der 1990er Jahre in Naumburg hat Maria vor allem den starken Konsumwunsch der Menschen aus Ostdeutschland in Erinnerung. Und sie hat den Eindruck, dass die Ideen von einer anderen, politisch alternativen Transformation des Landes von diesem Konsumwunsch überrannt wurden. Soziale und rechtliche Werte, aber auch die Wertschätzung materieller Dinge gingen verloren. So beobachtet sie in dieser Zeit, wie in Naumburg die Menschen jedes Wochenende Massen an Dingen für den Sperrmüll auf die Straßen stellen, aber gleichzeitig auch viel konsumieren.

An die Veränderungen in der Schule erinnert sich Maria ebenso. Ihre Lehrer nimmt sie als unsicher wahr. Fächer fallen aus und in vielen Stunden gibt es eine „freie Diskussion“, bei der die Schüler die Themen aussuchen und diskutieren. Richtiger Unterricht findet meist nur noch in den Fächern wie Mathe oder Chemie statt.

Im Gegensatz zu all den vielen Veränderungen in ihrem Umfeld nach dem Fall der Mauer gibt es in ihrer Familie kaum Umbrüche – so behalten insbesondere ihre Eltern ihre Arbeit.

Heute lebt Maria in Berlin.

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