Dörte, geboren 1978
in Pritzwalk

Foto DörteGFoto: privat
„Nach dem Mauerfall kam eine Zeit wie im rechtsfreien Raum. Wir haben unsere Grenzen ausgetestet.“

Kurzbiografie

Dörte wird 1978 in Pritzwalk geboren. Sie wächst am Stadtrand von Wittstock auf, spielt meist draußen im Wald. Sie erlebt eine freigeistige Erziehung. Zuhause darf sie sagen, was sie will, tanzen und fernsehen. Dass das in der Schule anders sein muss, weiß sie – findet es aber normal.

Von ihren Eltern lernt sie, dass Gleichheit und Gerechtigkeit wichtig sind. Für sie ist es klar, dass die Arbeit eines Arbeiters genauso wertvoll ist wie die Arbeit eines Produktionsleiters oder eines Lehrers.

Dem SED-Staat stehen ihre Eltern distanziert gegenüber. Sie tragen hohe Verantwortung in ihren Produktionsbetrieben, sind jedoch kein Mitglied in der SED. Auch ihre Tochter versuchen sie dem staatlichen Erwartungsdruck zu entziehen. Als Dörte, die regelmäßig Leichtathletik in einem Sportverein trainiert, für die Sportschule abgeworben werden soll, sind die Eltern dagegen und lehnen ab.

1988 bekommt die Familie Besuch von Verwandten aus Kanada. Die Verwandten stellen ihre Sicht auf die Missstände in der DDR dar: Autos aus Pappe, die Wirtschaft am Ende, die Menschen im Land eingesperrt. Als Dörtes Mutter ein halbes Jahr nach dem Verwandtschaftsbesuch die Erlaubnis erhält, die kanadischen Familienangehörigen zu besuchen, überlegen Dörtes Eltern auch, einen Ausreiseantrag zu stellen. Soweit kommt es nicht mehr, denn ein Jahr später fällt die Mauer. Dieses Ereignis feiern ihre Eltern mit Begeisterung. Am 9. November 1989 sind Dörte und ihre Eltern für einen Opernbesuch in Berlin. Sie sehen die vielen Leute auf der Straße, können sich aber nicht erklären, was passiert. Auf dem Heimweg nach Wittstock erfahren sie dann über die Radionachrichten, dass die Grenzübergänge in Berlin geöffnet wurden. Fortan beginnen ihre Eltern, von der Zukunft zu träumen.

Auch Dörtes Familie fährt in jener Zeit „in den Westen“ und sie bekommt vom Begrüßungsgeld einen Walkman. „Musik“, so sagt sie, „wurde zu einem großen Teil meines Lebens“.

1990 kommt Dörte aufs Gymnasium, was nicht ohne Folgen für ihre Freundschaften in ihrem Wohngebiet bleibt. Nun macht man Unterschiede zwischen „besser“ und „schlechter“ und nicht alle Freundschaften halten. Und es ist auch die Zeit, in der sich ihr Freundeskreis politisiert. Viele sympathisieren mit der rechten Szene, ohne zu wissen, was das bedeutet. Das Wissen über die NS-Geschichte und den Holocaust, sagt Dörte, erhält sie erst ab der 8. Klasse.

Die Anfangseuphorie der Eltern über die Wende ist 1992 schon verflogen. Dörtes Vater wird arbeitslos. Die Mutter muss den Konkurs eines Großbetriebes verwalten. Sie ist eine der Letzten, die entlassen werden. Dafür schaut man sie in ihrem Wohnumfeld verächtlich an. Zudem erfahren die Eltern, dass einer ihrer besten Freunde für die Stasi gearbeitet hat.

Für Dörte ändert sich nach 1989 vieles. Dem Schulwechsel folgen Lehrplanumstellungen, der Verlust von Freundschaften, der innere und äußere Drang, einer Gruppe zuzugehören und das persönliche Bedürfnis, sich gegen Neonazis abzugrenzen. Vor allem ist es für sie eine Zeit im rechtsfreien Raum. Die Weichen werden neu gestellt, aber keiner weiß, was das im neuen System bedeutet. Sie erinnert sich, wie sie und ihre Freunde Diebstähle begingen, viel feierten und tranken und so ihre Grenzen austesten wollten.

Die Zeit Mitte der 1990er Jahre ist für Dörte erneut von großen Veränderungen geprägt. 1994 zieht die Familie nach Pritzwalk und 1997 geht sie zum Studium nach Berlin. Zu den größten Freiheiten, die sie in der Zeit nutzt, zählt Dörte vier Auslandsaufenthalte in Südamerika.

Der Mauerfall und die damit verbundene Erfahrung, in zwei verschiedenen Systemen aufzuwachsen, hat Dörte nachhaltig geprägt. Sie schätzt die Vorteile der Demokratie. Die Härte des freien Marktes durch den Kapitalismus führt sie persönlich jedoch dazu, sich oft die Systemfrage zu stellen. Sie wünscht sich nicht den Sozialismus zurück, fragt sich aber, in welchem politischen System die Menschen ein gutes Leben führen könnten.

Heute lebt Dörte in Berlin und arbeitet seit 2008 als freiberufliche Autorin und Filmemacherin.

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